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Nasr Hamid Abu Zaid, 1943 bei Tanta im Nildelta geboren: Mit wissenschaftlicher Redlichkeit, Menschlichkeit - und Humor - plädierte er für das Nachdenken über die islamischen Disziplinen.

Foto: Archiv

Kairo/Wien - Sterben durfte er wieder in Kairo, nach Jahren des Exils in Europa. Am Montag ist Nasr Hamid Abu Zaid, Sprach-, Literatur- und Islamwissenschafter, in der ägyptischen Hauptstadt 67-jährig einer Viruserkrankung erlegen. Dies gab seine Frau, die Romanistin Ibtihal Younis, bekannt, die zum "Fall Abu Zaid" gehörte wie zu ihm persönlich.

Dieser Fall, seine und seiner Frau absurde Geschichte, brachte ihn im Westen in die Schlagzeilen, nicht seine Koranforschung. Aber wenn es denn diesen Umweg braucht, damit das westliche Bild der islamischen intellektuellen Wüste ein paar Kratzer bekommt, soll es recht sein.

Abu Zaid war ein muslimischer Hermeneutiker, der den Koran als Text - ein von Gott dem Propheten Muhammad übermittelter Text, aber immer noch ein Text, in einer menschlichen Sprache - wissenschaftlich behandelte und dessen Inhalt kontextualisierte. In seinem Rethinking the Qur'an: Towards a Humanistic Hermeneutics (2004) bezeichnete er, einen Schritt weiter gehend, den Koran als Serie von Diskursen, die "nicht Monofonie, sondern Polyfonie reflektieren und ebenso unterschiedliche Situationen und Adressaten".

Er war nicht der erste Theologe, der in der islamischen Verkündigung verschiedene Ebenen einzog - mit Folgen für die Verbindlichkeit -, aber einer, der wie kein anderer aus dem Resultat seiner Forschungen praktische Schlüsse zog. Auf der Homepage der Universität Utrecht, wo er zuletzt den Ibn-Rushd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam innehatte, ist das Ziel seiner Arbeit definiert: "eine Theorie der Hermeneutik vorzuschlagen, die Muslimen ermöglicht, eine Brücke zwischen ihrer eigenen Tradition und der modernen Welt von Freiheit, Gleichheit, Menschenrechten, Demokratie und Globalisierung zu bauen".

Als Apostat ausgerufen

Abu Zaid war auch nicht der Erste, der einen Preis dafür bezahlte, sich dem Koran auf wissenschaftliche Art genähert zu haben. Sein Fall war aber besonders skurril. Nach einer Diplomarbeit über die Metapher im Koran widmete er seine Doktorarbeit bereits der Hermeneutik (wobei er ein aufmerksamer Schüler Hans-Georg Gadamers war). Die Probleme begannen, als er sich 1992 um eine volle Professur bewarb. Er wurde nicht nur abgelehnt; eines der Kommissionsmitglieder, Abdel Sabur Shahin, rief ihn in der Moschee als Apostat aus, mit der Begründung, das Buch Mafhum an-nass (etwa: "Der Begriff des Textes") sei ketzerisch.

Mit seinen akribischen Textanalysen (wie in Islam und Politik. Kritik des religiösen Diskurses, auf Deutsch 1996) war Abu Zaid dem islamischen Establishment nicht nur theologisch auf die Zehen getreten. Gerade sein Widersacher Shahin war theologischer Berater von "Islamischen Investitionsgesellschaften", die in den 1980ern tausenden Ägyptern ihre Ersparnisse abgenommen hatten und mit deren "islamischer Sprache" sich Abu Zaid auseinandersetzte.

Mitte der 1990er-Jahre entdeckten die ägyptischen Islamisten ein probates Mittel, gegen Leute wie Abu Zaid vorzugehen: Zwar gibt es das Delikt "Apostasie" in Ägypten nicht, aber über den Umweg der (damals obsoleten) "Hisba"-Klausel, die das Allgemeinwohl schützt, kann eine Muslimin - in diesem Fall Ibtihal Younis - davor gerettet werden, mit einem vom Islam Abgefallenen - wie Abu Zaid - verheiratet zu sein. Das heißt: Zwangsscheidung. Dieses Urteil (das auch ein indirektes Apostasie-Urteil ist) fällte ein ägyptisches Gericht 1995 gegen das Ehepaar, das in der Folge das Land verließ. Die meiste Zeit danach lebten sie in den Niederlanden.

Erst zuletzt wagte sich Abu Zaid ab und zu zurück nach Kairo, wo er sich befand, als er erkrankte. Angesichts sich häufender Zwangsscheidungsklagen reagierte der ägyptische Staat Ende der 1990er übrigens nicht etwa mit einer Abschaffung dieser Absurdität, sondern mit einer Reglementierung - die "Hisba" erst recht im Rechtssystem verankert, wenn auch Klagen erschwert werden.

Die von Navid Kermani herausgegebene, auf Interviews basierende Biografie Ein Leben mit dem Islam bietet eine gute Übersicht über Leben und Denken. (DER STANDARD, Printausgabe 7.7.2010)