Georg Ecker im Einsatz in Haiti

Foto: Österreichisches Rotes Kreuz (ÖRK)

Einheimische arbeiten in Haiti mit dem Roten Kreuz zusammen

Foto: Österreichisches Rotes Kreuz (ÖRK)

Brigadier Norbert Fürstenhofer

Foto: ABC-Abwehrschule

Mitarbeiter motivieren, das Team zusammen halten, delegieren - das sind die Dinge, die Führungskräfte normalerweise zu tun haben. Und normalerweise geschieht das in den Bürogebäuden, am Bau, in den Krankenhäusern - irgendwo, wo halbwegs normaler Arbeitsalltag herrscht. Passiert irgendwo auf der Welt eine Naturkatastrophe, fahren Organisationen aus Österreich innerhalb kurzer Zeit auf Auslandseinsatz und dort müssen die Teamleader und Hauptverantwortlichen krisenerprobt sein um ihre Mithelfer in der Ausnahmesituation zu führen. derStandard.at/Karriere hat mit zwei Männern gesprochen, die für humanitäre Hilfe nach dem Erdbeben in Haiti 2010 und dem Tsunami in Thailand 2004 Verantwortung übernahmen.

"Lohnende Aufgabe"

Georg Ecker ist am 30. Juni von Haiti zurückgekehrt. Er war als Freiwilliger dabei, als heuer im Jänner die erste Emergency Response Unit des Österreichischen Roten Kreuzes nach Haiti geflogen ist. Ende Mai ist er erneut in die Erdbebenregion aufgebrochen, diesmal als Teamleader. Für Ecker, der im normalen Leben in der Trinkwasseraufbereitung arbeitet, ist die Arbeit im Katastrophengebiet "eine lohnende, schöne Aufgabe". Die Bevölkerung schätze die Hilfe sehr und "es kommt so viel zurück".

Brigadier Norbert Fürstenhofer war als Kommandant der ABC Abwehrschule des Österreichischen Bundesheers Leiter der Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU) und verantwortlich für die Auslandseinsätze im Katastrophenfall. Er selbst war nach dem Tsunami in Phuket und hat dort die Einsätze koordiniert. "Es kommt vor allem darauf an, dass jemand, der in so einer Situation Verantwortung übernimmt, erfahren ist, gut ausgebildet, weiß wovon er spricht und vor allem Ruhe und Kompetenz ausstrahlt", beschreibt Fürstenhofer die Aura einer krisenresistenten Führungsperson. Man müsse flexibel sein, sich auf die Umwelt und den kulturellen Hintergrund des betroffenen Landes und die besondere Situation der Menschen dort einstellen.

An die Grenzen des Möglichen gehen

Zuallererst geht es in Katastropheneinsätzen darum Überlebende zu finden, zu bergen, zu versorgen - bei der Arbeit der Rot Kreuz Retter- und Bergegesellschaften mit den Suchhunden geht es um Minuten. Danach muss in einem zweiten Schritt die Logistik aufgebaut werden. Ganz große Priorität hat in Haiti die Trinkwasseraufbereitung, weil durch das Beben alle Leitungen zusammen gebrochen sind. Hunderttausende Menschen leben in Lagern, noch dazu ist gerade Regenzeit. Es gilt Abwasser abzuleiten und Seuchen zu vermeiden, damit nicht aus der vorhandenen auch noch eine zweite Katastrophe wird.

"Unsere Hauptaufgabe ist es nun hygienische Verhältnisse in den Lagern zu schaffen. Wir bauen Latrinen, sorgen für die Müllbeseitigung, versorgen die Menschen mit Material, damit sie Entwässerungsgräben bauen können", erklärt Ecker.
"Die Menschen in den Einsatzgebieten sind verzweifelt, erschöpft, haben möglicherweise Tote unter den Trümmern und erwarten sich auch manchmal zu viel Hilfe", erinnert sich Fürstenhofer an Thailand. Man könne aber keine Wunder bewirken, auch wenn man an die Grenzen des Möglichen gehe. Es geht darum die eigenen Kräfte gezielt einzusetzen, das heißt die Voraussetzungen zu schaffen, dass das Team vor Ort seinen Job machen kann. Konkret bedeutet das: "Die Logistik muss in Ordnung sein, Reserven müssen bereit stehen, damit sie erschöpfte Kräfte ablösen oder gegebenenfalls jemanden aus Gefahrensituationen herausholen können."

Motivation kommt von selbst

Ein Problem, das Führungskräfte oft haben, ist ihre Mitarbeiter zu motivieren. Diese Schwierigkeit ist Fürstenhofer fremd: "Wenn die Helfer das Gefühl haben, dass sie den Menschen in Not helfen können, braucht man sie nicht motivieren. Man muss sogar aufpassen, dass sie sich nicht leichtsinnig in besondere Gefahren begeben." Fürstenhofer muss eher mit Übermotivation umgehen können. Auch Ecker hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er hat auch mit Einheimischen gearbeitet: " Für sie ist die erste Motivation Geld zu verdienen, aber sie wissen auch, dass es nicht nur ein Job ist, für das Rote Kreuz zu arbeiten." Die Zusammenarbeit mit den Locals funktioniere gut und sei auch wichtig für das "große Ideal Hilfe zur Selbsthilfe". 

Konzentration auf das Wesentliche

Haiti sei auch für die sehr erfahrenen Mitarbeiter eine Herausforderung gewesen, weil es ein sehr intensiver Einsatz war. In den Katastrophengebieten sind die Einsatzkräfte aller Organisationen mit großem menschlichen Leid konfrontiert. Für Erschöpfung und Emotionen ist in Haiti aber wenig Zeit: "Man gibt alles, was man geben kann, wir arbeiten von sechs in der Früh bis um sechs am Abend, wenn die Sonne untergeht, dann ist Ausgangssperre."
"Wenn die Helfer es emotional nicht aushalten, haben ihre Kommandanten etwas falsch gemacht", ist Fürstenhofer überzeugt. Wenn sich jemand auf einen solchen Einsatz einlasse müsse er gut ausgebildet sein, Erfahrung haben und das aushalten. "Als Menschen entwickeln wir Techniken um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und Befindlichkeiten auszublenden. Über die tausenden Toten bei einem Erdbeben oder Tsunami nachzudenken sei völlig sinnlos, denn man sei dort die Lebenden herauszuholen. Die Führungskräfte der einzelnen Rettungsteams müssten ihre Leute steuern und Pausen einlegen, wenn sie am Limit seien. Danach geht es wieder weiter.

Das richtige Team

Eines der wesentlichen Geheimnisse für Fürstenhofer ist die richtige Zusammensetzung des Teams: ein Mix aus älteren, erfahrenen Personen in Fach- und Führungspositionen, den Jungen mit ihrer hohen Leistungsfähigkeit plus Experten aus dem medizinischen Bereich. In Thailand war das Österreichische Bundesheer mit insgesamt 60 Personen vor Ort. Es braucht unterschiedliche Kompetenzen. Auch beim Roten Kreuz lag das Augenmerk beim Recruiting und der Auswahl der Teamleader auf der Erfahrung in so einem Kontext zu arbeiten, nicht nur am Know How in der Fachexpertise.

Für die Zukunft

Nicht jedem einzelnen helfen zu können ist schon manchmal schwierig. Bei allem menschenmöglichen Einsatz - es bleibt auch manchmal ein Ernüchterungsfaktor: "Das Ausmaß der Bedürftigkeit in Haiti ist auch nach sechs Monaten Einsatz enorm. Es bleibt immer jemand über", bedauert Ecker. Auch wenn die Medien immer weniger über Haiti berichten - die Menschen dort brauchen weiterhin Hilfe. Die Emergency Response ist dort nun abgeschlossen, für längerfristige Aktionen fahren aber immer wieder Teams des Österreichischen Roten Kreuzes nach Haiti. Die Aufgaben sind aber an das Internationale Rote Kreuz übergeben worden, Einheimische vor Ort arbeiten weiter für die Organisation. "Jene Leute in den Camps, die wir betreut haben, werden weiter betreut", schildert Ecker, "das Schöne ist, dass wir uns nicht einfach aus dem Staub gemacht haben sondern alles in die richtigen Bahnen lenken konnten." (derStandard.at, 12.7.2010)