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Tilo Berlin: "Österreichische Töne kitteten die Risse."

Foto: APA/Herbert Pfarrhofer

Wien - Aus Tilo Berlins Erzählungen über Kauf und Weiterverkauf der Kärntner Hypo erschließt sich neben Welt- und Selbstbild des Autors auch die Geschwindigkeit des Deals. Die Hypo suchte 2006 dringend Eigenkapital, mit Geschäftspartner Mathias Hink von der Investmentgesellschaft Kingsbridge Capital ging Berlin den Kauf im Herbst "im Eiltempo" an, wie er in 2007: Der Deal schreibt.

Eine Schlüsselrolle spielte Hypo-Minderheitsaktionär Grawe, von der Berlin Anteile brauchte. Am 18. Dezember sollte die Kapitalerhöhung unterschrieben werden, erst am 10. hatte sich Berlin mit den Grazer Versicherern in einer "überdimensionalen" Suite im Wiener Grand-Hotel zusammengerauft. Berlin - damals Villenbesitzer mit Finanzproblemen, wie er einräumt - führt die "Einigung auf einen ermäßigten Kaufpreis für die (...) Grawe-Anteile" (2,3 Mrd. Unternehmenswert, die Bayern zahlten fünf Monate später auf Basis 3,3 Mrd. Euro; Anm.) auf Ambiente und "Rollenaufteilung good guy - bad guy" zurück. "Die Szene war mehr als filmreif. Die Größe der Suite erschütterte unsere konservativen Partner von der Grawe. Die nüchterne norddeutsche/britische Art Hinks brach ihren Widerstand, meine österreichischen Töne kitteten die Risse, bevor sie zu Scherben wurden" , so Berlins nicht ganz stimmiges Sprachbild.

Anfang Mai 2007 war er fast am Ziel: "finales Preisgespräch" mit der BayernLB. Bankchef Werner Schmidt "berichtete von zusätzlichem Wertberichtigungsbedarf von mindestens 250 Mio. Euro, erläuterte seine Preisformel" : Samt strategischer Prämie landete man bei der 3,3-Mrd.-Bewertung. Allerdings hatte sich Berlin ausbedungen, dass dafür die Kärntner Landesholding (hielt die Hypo-Aktien) eine Nachzahlungsverpflichtung an die Grawe (bis zu 70Mio. Euro) übernimmt. Berlin: "Das Signing war für 22. Mai vorgesehen. Allerhöchste Eisenbahn für unseren Zeitplan!" Von all dem ahnte (nicht nur) die Öffentlichkeit nichts.

Glaubt man Berlin, so wäre die Sache in letzter Minute fast noch geplatzt. Am Sonntagabend vor dem Unterschrift-Termin am Dienstag erreichte Hink und Berlin, der sich gerade "auf einer Jagdrunde befindet" eine Mail der Grawe-Chefs Othmar Ederer und Siegfried Grigg: "100 Mio. Euro Nachzahlung. Sonst kein Signing" . Die Antwort der Investoren: "Dann eben kein Signing."

Berlin blieb stur: "Anrufversuche von Ederer nahm ich nicht entgegen" . Wohl aber einen Anruf Schmidts: Er berichtete, dass "die Landesholding von der Übernahme des Nachbesserungsanspruchs erfahren hätte und einen äquivalenten Wertausgleich fordere" . Hektik brach aus: nächtliche Mails, Telefonate mit Haider und Ederer ("Ich habe ihn der Erpressung bezichtigt und kurz angebunden abserviert" ), mit Grawe-Präsident "Franzi Harnoncourt, der vermitteln wollte" . Um acht Uhr früh flog man nach München: Krisensitzung.

Dort nahm Schmidt den Ball auf und seine Zukunft als Eigentümervertreter der Hypo vorweg: "Er klärt die Situation als souveräner Libero. Den Altaktionären verspricht er eine Sonderdividende. (...) Uns zwingt er, die Nachbesserungsklausel in den eigenen Büchern zu behalten, der Grawe macht er klar, dass es ein Nachbessern wirtschaftlich nicht geben wird, und dass Ederers Wunschvorstellungen Tatbestände wie Untreue ... erfüllen." (der STANDARD distanziert sich von dieser Darstellung.)

Good Guy, Bad Guy - Schmidt hatte offenbar beide Rollen selbst drauf. Denn, so Berlin: "Am Ende fängt er alle warmherzig auf. Davon konnte man lernen." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2010)