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Lueger um 3,5 Grad nach rechts gekippt: Siegerprojekt zur Umgestaltung des Monuments am Stubenring von Klemens Wihlidal

Foto: APA/Klemens Wihlidal/Andreas Pra

Barbara Coudenhove-Kalergi plädiert in ihrem STANDARD- Kommentar vom 5. Juli dafür, das Lueger-Denkmal "in Ruhe zu lassen". Klemens Wihlidals Entwurf, der vorsieht die Statue in eine permanente Schieflage zu versetzen, wird von ihr als "albern" abgetan, da die Schiefstellung Luegers "kein Mensch verstehen würde". Der Kommentar endet schließlich resignativ damit, dass es "nichts helfen würde", wir müssten mit "dem antisemitischen steinernen Bürgermeister leben", auch wenn das "peinlich" wäre. Bei dem Entwurf Wihlidals geht es allerdings nicht darum, Peinlichkeiten zu vermeiden. Ziel der Umgestaltung ist es,, den bisherigen Umgang mit Lueger und die Ehre, die ihm auch heute noch zu Teil wird, in Frage zu stellen.

Nach wie vor heißt ein Teil der Ringstraße Lueger-Ring, es gibt zahlreiche weitere Lueger-Denkmäler in Österreich, zudem wurde jenes am Stubenring vom Bildhauer Josef Müllner gestaltet, der auch für den mittlerweile versetzten und umgestalteten Siegfriedskopf in der Universität Wien verantwortlich war und eine Hitler-Büste für die Aula der Akademie der bildenden Künste angefertigt hatte. Es handelt sich bei diesem Denkmal also um eine historisch vielschichtige Manifestation im öffentlichen Raum.

Die Jury des international ausgeschriebenen Wettbewerbs hielt eine Schiefstellung Luegers deshalb für eine gute Idee, da hier kein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen wird, sondern die Darstellung Luegers in Frage gestellt wird. Es wird etwas in Bewegung gesetzt, der Denkmalsturz wird bewusst nicht zur Gänze vollzogenen.

Die Umgestaltung greift direkt in die Bausubstanz ein und der Betrachter fragt, warum ist diese Statue schief? Dadurch kann eine aktive Auseinandersetzung mit Geschichte und dem Denkmal ausgelöst werden. Es bleibt offen, zum Denkmal Begleitprogramme zu entwickeln, Info-Broschüren zu drucken, oder Führungen zum umgestalteten Denkmal zu organisieren.

Barbara Coudenhove-Kalergi zweifelt auch deshalb an der Umgestaltung des Lueger-Denkmals, da es noch viele andere Denkmäler in Wien gäbe, wo die darauf Porträtierten problematische Positionen vertreten hätten. Dieses Argument ist leider immer wieder zu hören. Doch nur weil es viele andere gibt, kann dies nicht bedeuten, wir lassen alles so, wie es ist. Diese Argumentation muss nicht zuletzt auch deshalb ins Leere gehen,weil sie die Bedeutung Luegers relativiert: Immerhin war Lueger der erste europäische Politiker, der mit Hilfe antisemitischer und rassistischer Propaganda Wahlen gewonnen hatte. Und seine Propaganda reicht bis in die Gegenwart: So findet man Slogans wie etwa "Wien darf nicht Istanbul werden" schon bei Lueger, nur hieß es damals "GroßWien darf nicht Groß-Jerusalem werden".

Potenziale nutzen

Zur Zeit laufen erste Verhandlungen bezüglich der Realisierung des Entwurfes mit der Stadt Wien. Zudem bereitet der Arbeitskreis alle Einreichungen für die Website auf. Bei den 220 Vorschlägen handelt es sich nicht nur um Einsendungen von Künstlern aus Österreich, sondern auch aus der Türkei, Portugal, Schweiz, Kroatien, Deutschland, Norwegen, Italien, USA, Spanien und Großbritannien. Neben Architekturbüros, beteiligten sich Schulklassen, eigens dafür gegründete Künstlerkollektive, aber auch Bildhauer, die bereits Mahnmäler im öffentlichen Raum realisiert haben.

Die zum Teil sehr umfangreichen Vorschläge bilden weitere Beiträge zur Debatte und zeigen auf, welche besonderen Potenziale hier in der zeitgenössischen Kunst liegen.

Martin Krenn lehrt an der Uni für Angewandte Kunst und ist Mitglied des Arbeitskreises zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals. (www.luegerplatz com) (Martin Krenn/DER STANDARD, Printausgabe, 13. Juli 2010)