Neu Delhi/Peking - Wie viele Volkszähler braucht China, um für den größten Zensus der Welt die bald 1,4 Milliarden Menschen im Land zum Stichtag 1. November auf die letzte Stelle nach dem Komma zu erfassen und zu befragen? Die Antwort ist jetzt raus: Peking lässt 6,5 Millionen Bürger, meist Mitglieder von Nachbarschaftskomitees und regionalen Behörden, zum Zählen seiner Bevölkerung antreten und besonders schulen.

Es ist die größte Zählerschar, die China für seine alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählungen jemals rekrutiert hat. Im Jahr 2000 wurden 1,29 Milliarden Chinesen gezählt. Jeder Volkszähler muss diesmal innerhalb von 40 bis 60 Tagen 250 bis 300 Bürgern dutzende Fragen stellen. Pekings Statistiker erhoffen sich davon eine Fülle von Daten, darunter auch über Familiengröße, Arbeit, Singlehaushalte, Wohnungswechsel oder Einkommen. Sie versichern den Bürgern eingehend, keine Daten an Steuerbehörden oder an die Familienplanung weiterzugeben; eigene unabhängige Datenschützer gibt es aber nicht.

Die gigantische Volkszählung steht unter dem Motto des UNFPA-Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der den Zensus begleitet: "Jeder zählt." In China heißt es wohl eher: "Bei uns wird jeder gezählt."

Jeder Bürger soll auch in Indien erfasst werden: Rund 2,5 Millionen Freiwillige besuchen seit April die etwa 600.000 Dörfer desLandes, die zum Großteil schwer erreichbar sind. Entsprechend lange dauert das Prozedere: Elf Monate sind dafür veranschlagt.

Alle zehn Jahre findet die Volkszählung in Indien statt. Dieses Jahr werden dabei erstmals biometrische Daten erfasst. Die Volkszähler wollen zudem auch wissen, ob es im Haushalt Toiletten gibt oder wer über ein Bankkonto verfügt. Für besondere Aufregung sorgt die Frage:"Welcher Kaste gehören Sie an?"

Dieses Thema steht bei der diesjährigen Volkszählung erstmals seit 1931, als Indien noch unter britischer Besatzung war, auf dem Formular. Indische Prominente haben eine Kampagne gestartet, in der sie die Menschen dazu auffordern, ihre Kaste nicht anzugeben. Ein bekannter indischer Tänzer, Sonal Mansingh, warnte vor Beginn der Volkszählung in Bezug auf die Frage nach der Kaste im Gespräch mit dem US-Fernsehsender CNN: "Das wird Schaden anrichten, das wird spalten, das wird schlussendlich Anarchie hervorrufen."

Das Kastenwesen ist in Indien nach wie vor ein brenzliges Thema. Auf dem Land bestimmt die Zugehörigkeit zu einer der vier Hauptkasten, die in hunderte Unterkasten geteilt sind, nach wie vor den gesellschaftlichen Status einer Person. In der Stadt weicht das System aber langsam auf. Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit ist laut indischer Verfassung seit 1949 verboten.

Angst vor der Teufelszahl

Die Volkszähler müssen nicht nur in diesem Punkt mit Widerstand rechnen. Im Bundesstaat Mizoram haben sich nach Auskunft der Verantwortlichen 1355 Familien geweigert, ihre Namen bekannt zu geben. Die Ursache war religiöser Natur: Die Menschen fürchteten, unter der Nummer des Satan (666) registriert zu werden. (erl, spri/DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2010)