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Autofahrer vs. Radfahrer: Es muss im Stadtverkehr nicht immer gegeneinander sein - es geht auf miteinander

Foto: APA/Simon Katzer

Was bringt die Menschen in der Stadt dazu, für ihre alltäglichen Wege auf das Fahrrad zu steigen? Das war eine der Fragen auf der 30. "Velo-city" in Kopenhagen Ende Juni. Experten aus der ganzen Welt diskutierten in Kopenhagen über das Potential des Fahrrads Übergewicht, Stau und Umweltverschmutzung zu reduzieren. PlanSinn, ein Büro für Planung und Kommunikation im vierten Wiener Gemeindebezirk, lud Konferenzteilnehmer und Radenthusiasten ein, um zu besprechen, was von den Ergebnissen der Konferenz auf Wien übertragen werden könnte. Die Hauptfrage des Abends, die sich schnell herauskristallisierte: "Wie bringt man mehr Wienbewohner auf das Fahrrad?" Dazu sechs Fragen und sechs Vorschläge.

Radwege

"In Kopenhagen fühlt man sich nicht nur als Radfahrer, sondern auch als Verkehrsteilnehmer", sagt Martin Friedl, Veranstalter des Bike Festivals.

Abschreckend sei vor allem das verästelte Radwegnetz, das teilweise abrupt unterbrochen wird und die schmal berechneten Radwege, die oft gemeinsam mit Fußgängerwegen verlaufen. "In Kopenhagen war es ein völlig neues Gefühl, nicht überall im Weg zu sein", sagte Friedl. Das liege vor allem daran, dass den Radfahrern mehr Platz zur Verfügung steht. "Damit gibt man den Leuten das Gefühl, dass sie als Verkehrsteilnehmer mit einem 700-Euro-Rad genauso wertvoll sind wie mit einem 40.000-Euro-Auto", sagte er.

Geschwindigkeit

"Es nervt ständig vom Rad springen und auf etwas drücken zu müssen", sagte Burgi Linnau von der Agenda Rad in der Donaustadt. Die Konferenzteilnehmer bestätigen: "Die Menschen in Kopenhagen sind viel schneller unterwegs."

Ein Vorschlag wäre, die "Grüne Welle" in manchen Bereichen in Wien einzuführen. Diese Verkehrsmaßnahme soll dazu dienen, den Straßenverkehr flüssig zu halten und die Geschwindigkeit des Radverkehrs zu erhöhen. Zu diesem Zweck werden die Ampelanlagen so eingestellt, dass bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit alle Grünphasen erreicht werden - in Wien funktioniert das bislang nur für Autos.

In Kopenhagen gilt die "Grüne Welle" in drei Straßen, die wichtige Verbindungen in die Innenstadt sind und bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h nutzbar sind - der Durchschnittsgeschwindigkeit der Radfahrer in Kopenhagen. Nach längerer Praxis gebe es von Autofahrern keine größeren Einwände, denn die "Grüne Welle" habe ihre Verkehrssituation nicht grundlegend verändert. Der Vorteil: Diese Verbesserung für den Radverkehr ist einfach umzusetzen, da sie relativ preiswert ist und keine baulichen Eingriffe notwendig sind.

Als Distanz in Wien würde sich zum Beispiel das Gebiet Reichsbrücke bis Urania anbieten. Konkret ausgearbeitete Vorschläge, zum Beispiel in Form einer Diplomarbeit, gebe es schon, meinte Verkehrsplaner Michael Szeiler von Rosinak und Partner.

Die höhere Geschwindigkeit liege nicht allein an der "Grünen Welle", sondern auch an kleineren Baumaßnahmen. In Kopenhagen gebe es oft die Gelegenheit, den Fuß auf einer Erhöhung abzustellen oder sich an einer Art Geländer abzustützen. Dadurch muss der Verkehrsteilnehmer nicht von dem Rad springen und kann wieder schneller beschleunigen, wenn die Ampel auf Grün springt.

Diebstahl

"In der Stadt fahre ich nicht Rad, mir ist das Risiko zu groß, dass es mir gestohlen wird", sagt Tom Kropiwnicki von Mideas Marketing.

Die Alternative, einfach mit billigen oder alten Fahrrädern zu fahren, die vermutlich nicht gestohlen werden, ist für viele Menschen eine eher unbefriedigende Lösung. Bessere Radabstellplätze, auch in den Wohnhäusern, könnten hier Abhilfe schaffen. Viele Leute wollen sich nicht die Prozedur antun, ihr Rad täglich in die Wohnung mitzunehmen.

In sogenannten "Radboxen" können Räder wie in einer Garage verstaut und weggesperrt werden. Dieses System verbraucht aber viel Platz und stellt keine generelle Lösung für die Stadt dar.

Sicherheit

"Viele Menschen haben Angst, in der Stadt Radzufahren", sagt Sportwissenschafterin Christina Steininger von der Uni Wien, die auch das Projekt PASEO (Gesundheitsförderung durch Bewegung) betreut.

"Von 5 bis 95 sollte die Stadt für alle befahrbar sein", sagt Szeiler. Dazu gehöre nun mal auch, das subjektive Sicherheitsbedürfnis zu erhöhen - etwa durch breitere Radwege. Ein Zitat bei der Velo City sei gewesen: "Der beste Beitrag zur Sicherheit sind möglichst viele Radfahrer."

Schulungen zum Thema Sicherheit im Radverkehr werden schon von unterschiedlichen Institutionen und Initiativen, wie etwa der Uni Wien oder von ig Fahrrad, angeboten. Zielgruppen sind zum Beispiel ältere Menschen, aber auch alle Radfahrern, die sich im Stadtverkehr unsicher fühlen. Bei der Diskussion wurden aber auch Stimmen laut, die eine Erziehung der AutofahrerInnen einforderten. In Kopenhagen muss zum Beispiel der stärkere Verkehrsteilnehmer beweisen, dass er bei einem Unfall unschuldig ist.

Vorteile des Radfahrens betonen

"Die Gründe auf das Rad zu steigen sind zu allererst Zeit und Geld", sagt Alec Hager von ig Fahrrad.

Heere Ziele wie Klimaschutz, Gesundheit oder Imagegründe seien nur zusätzliche "Zuckerl". Eine Idee bei der Konferenz in Kopenhagen, um das Kosten-Nutzen-Verhältnis für Radler aufzuwiegen, war zum Beispiel, dass Radfahrer ihr "CO2-Guthaben" an Autofahrer verkaufen können.

Die Diskussionsteilnehmer waren sich zwar einig, dass Kopenhagen und Wien nicht direkt vergleichbar sind, da die Voraussetzungen andere sind. In Dänemarks Hauptstadt sind die Straßen fast durchgehend flach und die Distanzen kürzer, zudem gab es in Sachen Radfahren eine andere historischen Entwicklung. Dennoch lohne sich ein Vergleich, denn in Kopenhagen nutzen 36 Prozent der Bevölkerung das Rad auf ihren alltäglichen Wegen. Die Stadt Wien hat sich hingegen zum Ziel gesetzt, den Radverkehrsanteil bis 2015 auf acht Prozent des gesamten Verkehrsaufkommens zu steigern.

Kommunikation im Straßenverkehr

"Wie kann es gelingen, vom aggressiven Fluchen und 'Granteln' zu mehr sachlichen Botschaften zu kommen?", fragt Wolfgang Gerlich von PlanSinn.

In Wien bedeute Hupen in aller Regel "schleich di", meint Gerlich und ergänzt: "In Kopenhagen und auch anderswo wollen die Autofahren damit einfach nur auf sich aufmerksam machen." Es sei notwendig, das Vokabular und die Auswahl an Gesten zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern zu erweitern. Denn wer gut miteinander kommunizieren kann, komme auch besser miteinander aus, meint er. "Eine humorvolle Kampagne mit paradoxen Reaktionen auf typische Irritationen im Straßenverkehr wären hier ein möglicher Ansatz", sagt er.

Man könnte sich das in etwa so vorstellen: Ein Radfahrer und ein Autofahrer geraten beinahe in einen Unfall. Der Radfahrer stürmt danach auf den anderen Verkehrsteilnehmer zu und - überreicht ihm Blumen mit einer Entschuldigung. Oder ein Autofahrer, der spontan an einer Kreuzung aussteigt und sich bei einem Radfahrer bedankt, dass er mit der Wahl seines Verkehrsmittels die Umwelt schont. "Ganz unwienerisch quasi", sagt Gerlich. (Julia Schilly, derStandard.at, Juli 2010)