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Der Kureffekt ist zwischen 1300 und 2000 Höhenmetern am besten. Beim moderaten Wandern werden Herz und Kreislauf trainiert.

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Man muss ja nicht gleich sieben Jahre zur Kur bleiben, wie Thomas Manns Romanheld Hans Castorp in Davos. Schon ein, zwei Wochen Urlaub in mittlerer Höhe wirken sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus, fördern die Regeneration und stellen das seelische Gleichgewicht wieder her. Zu diesem Ergebnis kamen die Österreichischen Höhenstudien (Austrian Moderate Altitude Study / AMAS I, AMAS II).

Wer aber nur auf der Terrasse liegt wie die Patienten in Manns Der Zauberberg bei ihren Freiluft-Liegekuren, einer Therapieform, die im 19. Jahrhundert trendy war, wird weder abnehmen noch seinen Kreislauf ankurbeln. Der Kururlaub des 21. Jahrhunderts ist ein Aktivurlaub, bei dem Training und Entspannung gezielt eingesetzt werden.

"Reizklima"

Optimale Effekte erzielt man in mittleren Höhenlagen, auf 1300 bis 2000 Meter Seehöhe, im sogenannten "Reizklima". Egon Humpeler, Internist in Bregenz und Gründer des IHS-Instituts für Urlaubs- und Freizeitmedizin, das die AMAS durchführte, erklärt, warum: "In mittlerer Höhenlage herrscht bereits ganz diskreter Sauerstoffmangel, das reicht aus, um Reserven zu mobilisieren. Die Höhe wird noch nicht zum Stress, aber reizt. Das hat positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System." Es würden sich sogar regenerative Effekte über die vermehrte Produktion von Stammzellen einstellen: "Salopp gesagt ist ein Höhenaufenthalt eine Verjüngungskur."

Am Beginn eines gesunden Bergurlaubs steht die Entspannung. Humpeler: "Wer gleich Höchstleistungen erbringen will, powert sich aus, läuft Gefahr, sich zu überfordern und in einer Urlaubsdepression zu landen." Klüger sei, die ersten ein, zwei Tage zu lesen, zu spazieren "und - ganz wichtig -", so der ärztliche Rat, "die nächsten Tage und Routen mit der Partnerin, dem Partner und den Kindern zu planen und zu koordinieren". Denn unterschiedliche Erwartungshaltungen führten zu Beziehungs- und Urlaubsstress.

Das optimale Training auf dem Berg sei das Wandern, sagt Humpeler. "Weil man bei Wanderungen gleich vier wichtige Trainingsformen hat: Das Aufwärtsgehen trainiert Herz und Kreislauf, Abwärtsgehen das Muskel-Skelettsystem, dazu kommen Höhen- und Koordinationstraining."

Viele positve Auswirkungen

Bei Menschen mit Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht oder Störungen im Blutzucker- und Blutfettstoffwechsel zeigten sich in AMAS I nach drei Wochen Urlaub auf 1700 Meter Seehöhe vier wesentliche Positiveffekte: Der erhöhte Blutdruck wurde gesenkt, der Lipidstoffwechsel verbessert, die Probanden nahmen ab - auch ohne Diät. Ein Effekt, den auch Münchner Mediziner bestätigen. Die Neubildung roter Blutkörperchen (ein Effekt, den man durch Höhentrainings von Spitzensportlern kennt) wurde auch bei den Probanden stimuliert. Auch die Seele erholte sich, die Studienteilnehmenden waren nach der Aktivkur "zufriedener" - was man aber auch als Urlaubseffekt interpretieren könnte. Humpeler: "Das stimmt, man erholt sich natürlich auch nach drei Wochen Urlaub im Tal. In Höhenlagen hat man aber Zusatzeffekte."

Weil drei Wochen Urlaub nur wenigen gegönnt ist, wurde in einer zweiten Studie der Positiveffekt eines einwöchigen Bergurlaubs untersucht. Studienteilnehmende bei AMAS II waren gesunde Menschen mit hohem Stresslevel. Das Fazit der Verfasser: Binnen einer Woche vermehrten sich die Stammzellen. Die Herzratenvariabilität (die Fähigkeit, den Herzrhythmus zu verändern, den Puls zu normalisieren) verbesserte sich, und die Studienteilnehmenden gaben an, wieder besser zu schlafen, mehr Energie zu haben und sich wieder konzentrieren zu können.

"Welltain-Programme"

Die Ergebnisse der beiden Studien wurden zu "Welltain-Programmen" mit Untersuchungen und Messungen vor und nach dem Urlaub verarbeitet, die aktuell in Seefeld angeboten werden. Humpelers Ziel ist, generelle Ratschläge auf wissenschaftlicher Basis für ein breites Publikum zu erarbeiten. Dazu bedürfe es jedoch der Kooperationsbereitschaft der Tourismuswirtschaft. In Planung ist AMAS III zu Gesundheitseffekten von Kurzurlauben.

Gute Nachrichten vom Berg haben auch Münchner Mediziner: Wer sich hoch hinaufwagt, kommt mit weniger Kilos zurück. Übergewichtige Männer, die für eine Woche auf die Zugspitze geschickt wurden, nahmen durchschnittlich zwei Kilo ab, ohne ihre Er-nährungsgewohnheiten verändert oder sich mehr als sonst bewegt zu haben.

Diese Erkenntnisse verfolgen Florian Lippl und Rainald Fischer, Ernährungs- und Höhenmediziner, nun weiter. Sie wollen herausfinden, ob auch zwei Stunden pro Tag in simulierter Höhenluft zur Gewichtsreduktion ausreichen, Blutdruck und Laborwerte verbessert werden. Die Ärzte hoffen, eine neue Therapiemöglichkeit für Menschen zu finden, die an Übergewicht leiden. Das Bergerlebnis wird die Simulation wohl nicht ersetzen können. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2010)