Gut getarntes Überfallskommando: Jürgen Vogel (li.) als Vince und Fabian Hinrichs als Frederik Feinermann in "Schwerkraft"

Foto: Polyfilm

Wien - Frederik Feinermann ist Kundenberater in einer Bank in Leipzig. Eines Tages hat er an seinem aufgeräumten graustichigen Arbeitsplatz ein einschneidendes Erlebnis. Danach beginnen sich Feinermanns (Selbst-)Wahrnehmung und seine Reaktionen auf sein Umfeld zu verändern. Zunächst sind es noch Kleinigkeiten. Aber der junge Mann mit dem intensiven Blick entwickelt rasch ein ungesundes Draufgängertum. Seine Verbalattacken und seine Handlungen werden aggressiver und führen schnurstracks in die Illegalität.

Seine Ex-Freundin und große Liebe Nadine (Nora von Waldstätten) wird einmal andeuten, dass sich Feinermanns einschlägige Abgründe schon früher offenbart hätten. Aus solchem Stoff könnte man eine tiefernste Charakterstudie oder einen aktionistischen Psychothriller bauen. Schwerkraft entscheidet sich dafür, mehr auf die komische Seite dieser Geschichte des Nicht-mehr-Funktionierens zu schauen.

Einerseits entlarvt Feinermanns neuer Blickwinkel die Hohlräume in Umgangsformen und Sprachregelungen der modernen Angestelltenarbeitswelt. Andererseits hat die Zusammenführung des quecksilbrigen Feinermann mit seinem alten Kumpel, dem Stoiker Vince, einigen Unterhaltungswert.

Ungleiches Gespann

Jürgen Vogel spielt den Psychobilly und Knastbruder, der aus ganz altmodischen Gründen einwilligt, sich an Feinermanns kriminellen Provokationen zu beteiligen. Eigentlich will er nur in Ruhe eine Bar eröffnen und sich nicht mehr von seinem Vorarbeiter beleidigen lassen müssen.

Fabian Hinrichs hingegen spielt den Bankbeamten mit dem sprechenden Namen. Er muss es schaffen, die Anteilnahme am Schicksal eines zunehmend unangenehmer werdenden Helden aufrechtzuerhalten. Er ist in nahezu jeder Einstellung des Films zu sehen, häufig zentriert im Bildvordergrund, während das Umfeld ein wenig aus dem Fokus gerät. Das bedeutet, dass viel an Hinrichs Schauspielerarbeit hängt.

Der Hamburger war fünf Jahre an der Berliner Volksbühne engagiert, er hat dort mit Frank Castorf und Christoph Schlingensief gearbeitet. Seine Darbietung auf der Leinwand, die einiges von einer Solo-Performance, von einem rasenden Monolog an der Bühnenrampe hat, meistert er souverän und eigenwillig. Zumal im Kontrast zu manchen Stellen, an denen dann doch eher Fernsehschauspieler im geschmeidig unverbindlichen Fernsehspieltonfall agieren. Auch der fortwährende Musikeinsatz wirkt wie ein Zugeständnis an Fernsehgewohnheiten.

Dabei ist Schwerkraft das Spielfilmdebüt des 1975 in Berlin geborenen Kameramanns und Regisseurs Maximilian Erlenwein. Er hat sich die Geschichte von Frederik Feinermann auch ausgedacht. In Saarbrücken wurde der Film Anfang des Jahres mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, Nora von Waldstätten und Fabian Hinrichs erhielten Schauspielerpreise. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2010)