Es war ein unerwarteter echter Sieg für den Kosovo und eine ebenso unerwartete echte Niederlage für Serbien. Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs (IGH) lässt entgegen den meisten Erwartungen keinen Interpretationsspielraum zu, sondern erklärt klar und eindeutig, dass die Unabhängigkeitserklärung der Kosovo-Albaner im Februar 2008, die in den Neunzigerjahren unter dem Regime von Slobodan Milošević brutal unterdrückt worden waren, rechtens war - und zumindest nicht dem Völkerrecht widerspricht.

Damit wird auch die Argumentation vor den Statusverhandlungen, wonach den Kosovaren zugestanden werden soll, zu entscheiden, wer über sie regiert, unterstützt. Die Unabhängigkeit wurde ja wegen der leidvollen Erfahrungen von 90 Prozent der Kosovo-Albaner herbeigesehnt.

Das Urteil ist nun ein Befreiungsschlag. Denn trotz der Unabhängigkeitserklärung hat die Weltöffentlichkeit sich bisher nicht eindeutig zum Kosovo positioniert, was den jungen Staat, der noch nicht UN-Mitglied werden konnte, lähmte. Nun werden sich viele Staaten, die bisher zögerten, leichter tun, den Kosovo anzuerkennen - mitunter auch die fünf EU-Staaten, die dies bisher noch nicht taten. Eine einheitliche EU-Position zum Kosovo würde auch der Union gut anstehen, die sich in der Frage bisher zerstritten und schwach darstellte.

Das Urteil könnte aber auch für Serbien ein Ticket in eine neue Zeit sein. Die Weigerung, die Oppression unter Milošević klar zu verurteilen, eine nationalistische Interpretation der Geschichte - die Amselfeld-Saga wurde erst im 19. Jahrhundert so richtig aufgekocht - und die Fixierung der Außenpolitik auf das Thema Kosovo, haben Serbien aufgehalten. Kluge Köpfe in Belgrad schütteln schon seit Monaten den Kopf über die Verve des serbischen Außenministers Vuk Jeremić, der wie ein Missionar gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit ankämpft.

Dabei fehlte schon längst der Blick auf die Realitäten: Die Kosovaren leben schon längst in ihrem eigenen Staat. Dass sie trotz Wirtschaftskrise so zuversichtlich sind, hat viel mit dem Bewusstsein, unabhängig zu sein, zu tun. Die Angst, noch einmal fremdbestimmt zu werden, ist verflogen. Das Gutachten der Haager Richter unterstützt nur diese Wirklichkeit. Die Kosovo-Albaner haben de facto seit der Nato-Intervention 1999 nichts mehr mit Serbien zu tun.

Das positive, weil klärende Urteil darf aber nicht davon ablenken, dass nach wie vor zentrale Fragen nicht beantwortet sind. Der Kosovo bleibt geteilt: Im Norden haben die kosovarischen Behörden nichts zu sagen, hier regiert Belgrad. Damit bleibt der Kosovo weiterhin ein unfertiger Staat. Ein Landtausch (Nordkosovo gegen das albanisch besiedelte Preševo-Tal in Serbien) kommt für die internationale Gemeinschaft nicht infrage.

Dennoch könnte das IGH-Gutachten Bewegung in die Sache bringen. Denn Belgrad kann sich nicht mehr auf die Illegitimität der Unabhängigkeit berufen und jegliche Kooperation mit dem Nachbarstaat verweigern. Wenn es das doch tut, treibt es sich selbst in die Isolation. Das muss vor allem die EU nützen. Denn es gibt nur ein Thema, bei dem sich die Interessen Belgrads und Prishtinas treffen: der EU-Beitritt.

Der Kosovo ist durch das Gutachten einen wichtigen Schritt näher an Europa gerückt, weil seine Legitimität nicht mehr so leicht hinterfragt werden kann. Serbien zieht hoffentlich nach. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2010)