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BP unter Beschuss.

Foto: AP/Dharabak

Die Mengen an Rohöl, die über Monate aus der verunglückten Bohrinsel "Deepwater Horizon" in den Golf von Mexiko schossen, sind unvorstellbar groß und allenfalls durch die beklemmenden Bilder von verklebten Vögeln sowie verdreckten Stränden begreifbar. Inzwischen geht es aber um mehr als um Bohrtechnik: Vielmehr flackern an überraschenden Stellen überraschende Diskussionen über Schuld und Verantwortung auf. Eine - allerdings noch kleine - Diskussion betrifft die zukünftige Arbeitswelt und die Rolle der Personalabteilung.

Vor kurzem fand im englischen Birmingham eine internationale Konferenz für Wissenschafter statt, die sich mit Personalmanagement befassen. Eröffnungsrednerin war Jackie Orme, ihres Zeichens Chief Executive der CIPD, also des britischen Dachverbands der Personalmanager.

Jackie Orme erzählt in ihrem Vortrag von der wichtigen Rolle der Personalabteilung, die gerade angesichts aktueller Herausforderungen immer wichtiger würde. Danach leiden viele Unternehmen unter einer Führungskrise, die sich auch in Schwierigkeiten bei der Bewältigung der aktuellen Arbeitswelt manifestieren. Und es gebe eine Krise der Personalabteilung: Wofür steht sie eigentlich? Was ist ihre Funktion? Wird sie als Geschäftspartner ("Business Partner" ) akzeptiert?

Dann rücken BP und die "Deepwater Horizon" in den Mittelpunkt. Natürlich ist offenkundig, dass es ein Problem am Bohrloch gegeben hat. Doch warum? Weshalb wurden Warnsignale nicht richtig gedeutet? An dieser Stelle muss sich Jackie Orme natürlich äußerst vorsichtig ausdrücken, und sie weist auf die vielen alternativen Erklärungen für den Unfall hin. Eine davon könnte - und sie wiederholt den Konjunktiv mehrfach - eine zu gering ausgeprägte Sicherheitskultur bei BP sein.

Jetzt kommt die spannende Frage: Unterstellt, es gab wirklich eine zu gering ausgeprägte Sicherheitskultur bei BP - ist dann nicht das Personalressort dafür verantwortlich? Und besteht diese Verantwortung nicht letztlich unabhängig von den Kompetenzverteilungen im Einzelfall "Deepwater Horizon" ? Denn Sicherheitskultur hat mit Führung, mit Personalentwicklung, mit Selektion, mit Anreizsystemen zu tun. Kurz: Sicherheitskultur ist auch Ergebnis der Personalarbeit. Spätestens jetzt - und dem scheint auch Jackie Orme trotz ihrer Konjunktive zuzustimmen - spielt es keine Rolle mehr, ob die Personalabteilung überhaupt "Business Partner" sein und Verantwortung übernehmen möchte: In der zukünftigen Arbeitswelt wird sie verantwortlich gemacht werden!

Auch wenn es noch nicht so weit gekommen ist: In der Arbeitswelt der Zukunft wird es für die Personalabteilungen keine Komfortzone der Unverbindlichkeit mehr geben. Das Zauberwort heißt "Accountability" und bedeutet Rechenschaftspflicht in Verbindung mit persönlichen Konsequenzen.

Und das ist gut so: für Unternehmen, für Mitarbeiter und für Vögel im Golf von Mexiko. (Christian Scholz/DER STANDARD; Printausgabe, 24./25.7.2010)