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Christian W. Mucha.

Foto: APA/Fohringer

Dem heimischen Mediensumpf ist ein neuer Heiland erstanden, ein gnadenloser Vollstrecker des journalistischen Anstandes an einem mit Bedacht ausgesuchten Frevler, ein ebenso kühner wie erfahrener Recke im Kampf gegen miese Profit-Macherei und Boulevard aus Geschäftsinteresse - kurz, und um den hohen ethischen Anspruch auf den Punkt zu bringen: Eh klar, der Mucha war da. Der Herausgeber des Branchenmagazins "Extradienst" hat nämlich für sich ein Problem entdeckt, mit dem sich andere schon seit Jahren herumschlagen: Wie geht man redaktionell mit Beiträgen anonymer Poster um, die in Inhalt und/oder Ton gegen den bürgerlichen Anstand oder gar gegen Gesetze verstoßen?

Um es gleich zu sagen: Seit dieser Woche ist er offiziell gegen solche Äußerungen von anonymen Schweinen, den Mieslingen, den Ungustln, den Schimpfern, den Hetzern und Neidern, unter zwei Voraussetzungen: Sie müssen auf "derStandard.at" erschienen sein und sich auf ganz bestimmte Personen beziehen. Da ist er wählerisch, für Personen unter dem Rang eines Hans Dichand oder eines Rudolf Leopold tut er sich keine Schimpfkanonade an. Und die mussten erst hinscheiden, ehe Mucha sich in die Rolle eines Don Quichotte gegen die erbarmungslose Gehässigkeit auf derStandard.at hineinsteigern konnte.

Hätte Christian W. Mucha sich in seinem Kampf für Sauberkeit in den Medien einen lebenden Cato als Kronzeugen gewählt, wäre ihm ein Ehrenplatz unter Österreichs großen Lachnummern sicher gewesen. Wo er den toten instrumentalisiert, nur um sich selber als Sittenwächter aufzublähen, macht sich ein Hauch von Leichenfledderei breit. Da hilft auch seine Berufung auf die alten Römer und ihr "De mortuis nil nisi bene" nichts. Diese Überdehnung der Unschuldsvermutung ins Jenseits mag für jene Toten gelten, die die Städtische Bestattung allwöchentlich zur inseratenmäßigen Verwertung an die "Kronen Zeitung" liefert. Aber man kann nicht Dichand zur bedeutendsten Medienpersönlichkeit der Zweiten Republik befördern und ihn unter Berufung auf den guten Geschmack der posthumen Kritik entziehen. Abgesehen davon, dass mir für diesen Titel aus dem Stand ein Hugo Portisch und ein Gerd Bacher als bessere Kandidaten einfielen. Und dass keiner unser Land medial stärker geprägt hat, ist, wenn es denn stimmt, der Kern der heimischen Medienmisere.

Darauf ein Hallelujah anzustimmen, aber die Profit-Haie anderswo zu entdecken, wird Mucha überlassen bleiben. Ihn hat es schon früh gestört, wenn "Trend"- und "Profil"-Redakteure Geschenke ablehnten. Gegen arrogante Gralshüter hat er was. Ihn stört im Nachhinein, dass "Standard"-Poster auf das Ableben Gerhard Bronners anders reagierten als im Fall Dichand. Welche Überraschung! Und so stört ihn womöglich auch, was er nicht verschweigen kann: Der Standard hat seit Jahren die besten Werte, was Online-Besucher und Reichweiten betrifft.

Täglich sind es rund 12.000 Postings, und das kann nur heißen: Viel ärger als "Bild" oder "Krone" profitiert man vom Voyeurismus. Dass dieser Profit im Fall Dichand glatt um ein Drittel geschmälert wurde, weil von den 3356 Postings zu seinem Ableben 1180 gelöscht wurden, hat Mucha zwar von der Geschäftsführerin Gerlinde Hinterleitner erfahren, aber wo die Degoutanten ungeniert hinpinkeln können und wo die sich in einer Art und Weise austoben können, die unvorstellbar abstoßend ist, da tobt und pinkelt er unbeschwert mit: derStandard.at betreibt Boulevard mit einer Maßlosigkeit, gegen die das, was man der "Krone" vorwirft, ein Lercherl ist.

Kein Lercherl ohne Flatus. Ausgerechnet "Österreich" fand Muchas Selbstkrönung zum obersten Saubermann der Branche moralisch genug, um ihr Mittwoch auf der Seite Money.at einen Zweispalter samt Foto vom Medien-Zampano zu widmen. Medien-Unternehmer Mucha will pietätlosen "Standard"-Postings Riegel vorschieben, hieß es da, er habe nun eine Kampagne gegen die Standard-Postings gestartet.

Kenner schließen daraus, dass Dichands Tod nur später Anlass und die Anschleimerei an die "Krone" nur ein Nebenprodukt von Muchas Treiben waren. Es waren vielmehr die Postings, die nach dem Blattsalat Vom Besticken des Herzkissens am 5. Juni für Unmut sorgten. Da ging es um die Hochzeit Muchas mit seiner Eingebratenen Ekaterina. Trauzeuge war der Medien-Zampano Wolfgang Fellner, Herausgeber von "Österreich". (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 24./25.7.2010)