Wien - Ergonomische Büros statt düsterer Fabrikshallen, verantwortungsvolle Kopfarbeit statt stupider Knochenjobs: Dies versprach die moderne Arbeitswelt, doch die Realität entpuppt sich als weit weniger gesund. "Dass der technische Fortschritt die Arbeitsbedingungen erleichtert, hat sich als Illusion herausgestellt", sagt Manfred Krenn von der Forschungs-und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba). Während die körperliche Belastung insgesamt nur leicht abgenommen habe, steige der psychische Druck enorm - und damit die Zahl der einschlägigen Krankenstände.

Der Arbeitssoziologe Krenn sieht einen Mix an Ursachen. Erstens: Die ständige Beschleunigung der Arbeitsprozesse. Kommunikation duldet im E-Mail-Zeitalter keine Verzögerung, Vorgänge werden optimiert, um unproduktive Zeiten auszuschließen. Damit fallen automatische Pausen weg. Laut einer Umfrage des sozialwissenschaftlichen Studienzentrums fühlen sich 44 Prozent der unselbstständigen Erwerbstätigen fast immer oder oft ständigem Zeitdruck ausgesetzt

Zweitens: Durch die Maschinisierung wird immer mehr Arbeit mit dem Kopf statt mit Körperkraft erledigt. Das mag so manchen Werktätigen größere Befriedigung bescheren, doch gleichzeitig wächst der Druck zur permanenten Weiterbildung.

Drittens: die Geißel der ständigen Erreichbarkeit. Handy und Laptop sorgen dafür, dass sich Berufswelt und Privatsphäre vermischen. Die geistigen Erholungsräume werden immer enger.

Viertens: Die Beschäftigten bekommen immer mehr Verantwortung aufgebürdet. Früher seien von oben konkrete Anweisungen erteilt worden, meint Krenn. Heute würden oft nur die Ziele definiert - wie diese zu erreichen sind, obliegt den jeweiligen Abteilungen. Diese flachen Hierarchien brächten Arbeitnehmern zwar mehr Gestaltungsmöglichkeiten, sagt der Experte, "doch für diesen Freiraum zahlen sie einen hohen Preis". Denn unter dem Druck globaler Konkurrenz und kurzfristiger Renditewünsche von Aktionären würden immer ehrgeizigere Ziele ausgegeben. Dieser Effekt pflanze sich "kaskadenförmig" bis in die Klein- und Mittelbetriebe fort, die häufig als Zulieferer von größeren Firmen abhängig sind.

Fünftens: der permanente Wandel. Unternehmen werden oft umorganisiert, Abteilungen durcheinandergewürfelt. Das erschwert stabile Beziehungen zwischen den Mitarbeitern, die ein Anker in stressigen Zeiten sein könnten.

Die derzeit höchst reale Angst vor Arbeitslosigkeit erhöhe die psychische Belastung zusätzlich, sagt Krenn, der auf entsprechende Studien verweist.

Laut einer aktuellen Umfrage der EU-Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz sind 70 Prozent der österreichischen Manager (sehr) besorgt über arbeitsbezogenen Stress, doch diese Erkenntnis bleibt relativ folgenlos. Nur 18 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem Unternehmen institutionalisierte Gegenmaßnahmen existieren.

Im EU-Vergleich gilt: Österreichs Unternehmen hinken bei den in den letzten drei Jahren ergriffenen Maßnahmen gegen psychosoziale Risiken nach. Nur 39 Prozent der Betriebe boten diesbezüglich Weiterbildung an, im EU-Schnitt sind es 58 Prozent. 28 Prozent veränderten die Arbeitsorganisation (40 Prozent in der EU), 30 Prozent gestalteten die Arbeitsbereiche neu (EU: 37 Prozent), 17 Prozent führten Konfliktlösungsverfahren ein (EU: 23 Prozent).

Viel Spielraum gäbe es punkto verantwortungsvoller Unternehmensführung, meint Krenn und appelliert an das Bewusstsein, dass supermotivierte Untergebene, die Überstunden anhäufen, auch eine problematische Seite haben: "Wer in seinem Job ,brennt', kann eben auch ausbrennen." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 24/25.72010)