Es gab so viel Hoffnung in diesen Tagen: dass der mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Krieg zu Ende und die Sicherheitslage so sein würde, dass man sich überall wieder auf die Straßen trauen könnte. Dass die Taliban geschlagen und die neue Regierung unter Hamid Karsai das Land zu wirtschaftlicher Prosperität führen würde, Frauen wieder ohne Burka auf die Straße gehen könnten und alle Menschenrechte bekämen.

Von der Zuversicht, die sich damals, Mitte Dezember 2001, in den Straßen Kabuls und im ganzen Land ausbreitete, ist nicht mehr viel übrig. Weder in Afghanistan noch im Westen. Es hat weder Hamid Karsai die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt noch die westlichen Streitkräfte. Was als überschaubare Mission geplant war, ist zu einem unüberschaubaren Krieg geworden.

Die jetzt an die Öffentlichkeit gelangten Dokumente zeigen ein ungefiltertes Bild der Lage am Hindukusch. Sie bestätigen das, was kein führender Militär offiziell sagen würde, wovon aber Dokumentationen wie jene der BBC über den Afghanistan-Einsatz und Streifen wie der oscargekrönte Film The Hurt Locker ein Bild zeichnen: Die Angst von Soldaten wird deutlich, die auf Menschen schießen, bevor klar ist, ob es sich überhaupt um Angreifer handelt. Es wird ersichtlich, wie alleingelassen sich diese jungen Männer und Frauen fühlen - in Afghanistan und im Irak gleichermaßen. Sie zeigen das Versagen des Krieges.

Dass es am Tag nach der Veröffentlichung der Dokumente weder vom Weißen Haus noch von der Nato eine Stellungnahme zum Inhalt gab (nur eine Sprachregelung zur Diffamierung von Wikileaks), ist Bestätigung genug. Jawohl, es gab mehr zivile Opfer als bisher bekanntgegeben. Und mehr Pannen bei Geheimoperationen als bisher veröffentlicht.

Was auch immer sich die Strategen in den USA, Brüssel und Kabul nun einfallen lassen: Die Glaubwürdigkeit ist dahin. Wie will man im Nachhinein erklären, dass eine Spezialeinheit seit Jahren offenbar erfolglos Jagd auf die Taliban macht? Wie will man rechtfertigen, dass die Zusammenarbeit mit pakistanischen Behörden offiziell gelobt wird, dann aber bekannt wird, dass der pakistanische Geheimdienst der "vermutlich wichtigste außerafghanische Helfer der Taliban" ist?

Die Öffentlichkeit ist über die tatsächliche Lage nicht umfassend informiert worden. Deutschland stellt das drittgrößte Truppenkontingent in Afghanistan, und in Berlin traut man sich erst seit kurzem, offiziell von einem Kriegseinsatz zu sprechen. Bisher hieß es, dies sei ein friedensschaffender Einsatz, die Soldaten zur Sicherung des zivilen Aufbaus abkommandiert. In den Niederlanden ist jüngst die Koalition am Streit über den Afghanistan-Einsatz zerbrochen.

Die Kritik an dem riskanten Einsatz wird in allen beteiligten Ländern zunehmen. Für die Nato, die nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Rolle in einer Art Weltpolizei sah, stellt sich damit auch die Legitimitätsfrage. Selbst wenn offiziell Durchhalteparolen verbreitet werden, so ist doch längst klar: Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. Es werden Parallelen zum Vietnamkrieg deutlich: 1971 hat ein US-Gericht die Veröffentlichung geheimer Dokumente über die Lage in Vietnam erzwungen, inzwischen sorgt das Internet für Transparenz.

Doch auch nach einem Rückzug der Militärallianz bleibt die Frage, welche Hoffnungen es für die Menschen in Afghanistan überhaupt noch gibt. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2010)