Vier Jahrzehnte dauerte es, bis Jakob Laub die Fresken der Schwanberger Josefikirche vollendete.

Foto: textbox/Werner Schandor

Hochsommer, halb vier Uhr nachmittags, am Hauptplatz in Schwanberg sind die Gehsteige hochgeklappt, die Touristeninfo hat bereits seit zwölf Uhr zugesperrt, nur aus einem Lokal namens "Die Welle" dringt Gelächter. Sie treten ein, um den Weg zum Greißlermuseum zu erfragen, eine Hauptsehenswürdigkeit des Ortes. In der "Welle" gibt es ein großes Hallo, weil ein Fremder den Raum betritt. Mit schwerer Zunge erklärt man Ihnen, wie Sie zum Greißlermuseum kommen, nur hat das dann - auch Sammler wollen Urlaub machen - ausgerechnet im Juli geschlossen.

Zum Glück hat der kleine Marktflecken am Fuße der Koralm noch mehr zu bieten. Zum Beispiel Kraftplätze sonder Zahl. Obwohl die Geomantie - verstanden als Lehre von den Energieflüssen bestimmter Orte - wissenschaftlich nicht anerkannt ist, spielt sie im steirischen Tourismus eine wachsende Rolle. Insbesondere das steirische Hügelland ist voll von solchen Plätzen, die für Menschen mit entsprechenden Antennen herausragende Energieströme in sich bündeln. In Schwanberg, wo ein "Kraftweg" mehrere geomantische Punkte miteinander verknüpft, dürften sich ein paar besonders dicke Energieadern gekreuzt haben.

Die Postkartenansicht des Ortes zeigt für gewöhnlich den properen Hauptplatz mit seiner barocken Mariensäule, und über dem Markt thront auf einer Anhöhe die Josefikirche. Sie war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Pilgerziel, aber drohte nach dem Zweiten Weltkrieg zu zerfallen. 1955 hatte der Schwanberger Pfarrer eine Idee: Er engagierte Jakob Laub, einen Gütersloh-Schüler, der frisch seine Ausbildung an der Angewandten in Wien abgeschlossen hatte, das Kircheninnere neu zu gestalten. Laub machte sich unverzüglich ans Werk, aber womit vermutlich keiner gerechnet hatte, war, dass es vier Jahrzehnte dauern würde, bis Laub 1995 die Fresken abschließen konnte.

Von außen wirkt die Josefikirche grau, drinnen wandern die Augen staunend über knallbunte Gewölbebögen und Halbpfeiler, über symbolhaft verschlüsselte, mitunter naiv in Szene gesetzte Bilder und Botschaften aus der Bibel, die stilistisch heterogen wirken, aber allesamt sensationell bunt sind. Der Kontrast zwischen Kanzel und Altären aus dem Barock einerseits und dem Farbenrausch Jakob Laubs andererseits könnte nicht spannungsgeladener sein.

Den Schlüssel zur poppigsten Kirche der Steiermark erhält man an der Rezeption vom Schwanberger Moorbad am Hauptplatz. Das Kurbad, in dem gegen rheumatische Beschwerden und Leiden des Gelenks- und Knochenapparates Moorpackungen verabreicht werden, wurde Anfang der 1970er-Jahre im ehemaligen Kapuzinerkloster eingerichtet. Da seit seiner Eröffnung viel Wasser aus steirischen Thermalquellen gesprudelt ist und ein Herumliegen in gesundem Schlamm nicht mehr so anziehend wirkt wie in den früheren 1970ern, soll das Schwanberger Heilbad in den kommenden Jahren renoviert und um einen zeitgemäßen Wellnessbereich erweitert werden. Verspricht zumindest die Politik.

Der Initiator des Schwanberger "Kraftweges" ist Heinrich Pansi, seines Zeichens Künstler, Fotograf, Trommellehrer, Gartengestalter und Ausstellungsmacher. In seiner "Lebensschmiede" in einem sorgsam restaurierten Schmiedegebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert stellt er Skulpturen, Objekte, Bilder und Kunsthandwerk aus eigener und fremder Produktion aus. Hier ist auch der Folder zum Schwanberger "Kraftweg". Der beginnt in der "Lebensschmiede", führt in einem Bogen zu Moorbad, Josefikirche und Schloss und endet beim sehenswerten "Greißlermuseum" von Antiquar Andreas Brunner. In seinem Vierkanthof aus dem Jahr 1851 hat der Antiquitätenhändler altes, vorwiegend bäuerliches Mobiliar zusammengetragen und in geschmackvoll ausgestatteten alten Bauernstuben ausgestellt. Als Zugpferd hat Brunner mit den Hinterlassenschaften von sechs ländlichen Greißlereien ein "Greißlermuseum" eingerichtet, in dem man - von Zwirnspulen bis zur Auswahl an Nachttöpfen - in die längst versunkenen Welten alter Kramläden eintauchen kann. Aber bitte nur als Individualtourist, denn Busladungen voller Leute sind dem resoluten Hausherrn ein Gräuel. (Werner Schandor/DER STANDARD/Printausgabe/24.07.2010)