Die geplante U-Bahn-Brücke ist einer der Gründe für den drohenden Verlust des Weltkulturerbe-Titels.

Fotomontage: wowTurkey.com

Schuld sind der U-Bahn-Bau und die Gentrifizierung.

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Am Wochenende herrscht auf Istanbuls Promeniermeile, der Istiklal Caddesi in Beyoglu, fast immer ein heilloses Gedränge. Am vergangenen Wochenende staute sich der Fußgängerstrom noch zusätzlich, weil rund 100 Leute ein Hindernis aufgebaut hatten. Auf dem Straßenpflaster sitzend haben sie eine Figur gebildet, die bei genauerem Hinsehen drei Buchstaben bildet: SOS.

Gemeint ist SOS - als Weck- und Hilferuf für Istanbul als Weltkulturerbe. Seit 1985 ist die historische Halbinsel Istanbuls, dort wo die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und der Topkapi-Palast an die ruhmreiche Vergangenheit der Stadt erinnern, Teil des Weltkulturerbes - noch. Denn auf der Unesco-Konferenz, die noch bis 3. August in Brasilien stattfindet, wird darüber diskutiert, Istanbul den Titel Weltkulturerbe wieder abzuerkennen.

"Wie wollen den Bewohner der Stadt die Augen dafür öffnen, dass die Stadtverwaltung und die Regierung in Ankara gerade dabei sind, das historische Erbe Istanbuls zu verschleudern" , sagt Cigdem Sahin, eine der Organisatorinnen der Aktion. "Die meisten bekommen ja gar nicht mit, was unter ihren Füßen passiert oder vor ihren Augen geschieht." Immerhin die SOS-Istanbul-Aktion wird wahrgenommen, nicht nur von den Spaziergängern, sondern auch von den Medien. Etliche Kamerateams sind vor Ort. Es könnte allerdings durchaus sein, dass der Hilferuf zu spät kommt.

Seit Jahren diskutieren Unesco-Vertreter bereits mit den Istanbuler Verantwortlichen über den Umgang mit der gebauten Geschichte. So beklagt die Unesco, dass die große Theodosian'sche Stadtmauer aus dem vierten Jahrhundert unsachgemäß restauriert wird. Für zusätzlichen Ärger sorgte der Abriss eines der ältesten Quartiere Istanbuls, des Roma-Viertels Sulukule, direkt im Schatten der Stadtmauer.

Osmanisches Disneyland

Ausgerechnet im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010 setzten einflussreiche Kreise innerhalb der regierenden AKP durch, dass das Viertel abgerissen und durch Luxusbauten im neoosmanischen Stil bebaut wird. Osmanisches Disneyland nennen Kritiker das Vorhaben. Noch in Planung ist der Teilabriss Fener und Balat, der ehemals griechischen und jüdischen Vierteln in der Altstadt. Dazu kommt, dass die im Bau befindliche U-Bahn über eine neue Brücke über das Goldene Horn geführt werden soll, und damit die Silhouette empfindlich verändern würde.

"Doch Gutachten, die die Unesco in Auftrag gegeben hat, wurden von der Stadtverwaltung einfach ignoriert" , erzählt Cigdem Sahin von der Bürgerinitiative zum Erhalt von Fener/Balat. Das hat zwei Gründe. Zum einen wird mit der Gentrifizierung der Altstadt, also der Verdrängung der angestammten eher armen Bevölkerung und dem Zuzug finanzstarker Gruppen, viel Geld verdient. Zum anderen hat Istanbul so gravierende Verkehrsprobleme, dass der Bau einer U-Bahn von den meisten Bewohnern begrüßt wird, auch wenn dafür eine neue Brücke über das Goldene Horn gebaut werden muss. Wegen zahlreicher archäologischer Funde ist der Bau bereits Jahre in Verzug.

Wenn in Brasilien nicht noch im letzten Moment konkrete Vorschläge der türkischen Delegation auf den Tisch kommen, wird der Kulturhauptstadt 2010 der Titel des Weltkulturerbes aberkannt. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2010)