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Orakelsprüche, oh weh! - Klaus Maria Brandauer als um Erlösung flehender, geblendeter Ödipus auf der Perner-Insel in Hallein.

Foto: AP/Joensson

Hallein - Die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Peter Stein und Klaus Maria Brandauer (Wallenstein, Der zerbrochne Krug) hat mit Ödipus auf Kolonos eine Fortsetzung gefunden. Die Premiere im Rahmen der Salzburger Festspiele (eine Koproduktion mit dem Berliner Ensemble) fand am Montagabend in der ehemaligen Salinenhalle auf der Perner-Insel in Hallein statt. Sie steht prototypisch für den im Jubiläumsjahr ausgegebenen Programmschwerpunkt Mythos.

Peter Stein, den studierten Literaturwissenschafter, interessieren vorrangig der Text und dessen im heutigen Mythenverständnis vor Publikum plausibel gemachte Narration. Er hat diesen Ödipus selber aus dem Altgriechischen neu übertragen und ohne darüber hinausweisendes Ansinnen als überaus statuarisches Sprechtheater in Szene gesetzt.

Diese eigenbrötlerische, an jedweder Idee zeitgenössischen Theaters ignorant vorbeiziehende Haltung hat aber etwas: Gerade in ihrer Unzeitgemäßheit entfaltet sie eine bestimmte Wirkung. Bemerkenswert ist ihre akustische Ausstattung, die mittels Vogelgezwitscher (man trifft sich bei einem Olivenhain an der Stadtgrenze von Athen), leisen Klavierklängen, vor allem aber durch stimmlich erzeugte Gefühlslagen (Summen, Murren, chorisches Aufjaulen etc.) eine wundersame (manchmal auch wunderliche) Tonspur zieht (Musik: Arturo Annecchino). Auch künstlich gesteigerte gestische Ausdrucksformen, Leidensposen (im Besonderen: Antigone / Katharina Susewind), die man sonst nur mehr von klassischen Gemälden der Renaissance kennt, machen Staunen.

Doch diese Wirkung hält nie lange an, der Charme archaischer Stimmungsmache hört da auf, wo die Verständigung mit einem grob zweieinhalbtausend Jahre alten Text sich selbst überlassen wird und sich die historische oder im besten Fall zeitlose Aufführungspraxis in hohle Formen verkehrt. Dann entkoppelt sich das Publikum, zum Teil gefördert durch die schwache Akustik der Halle, in der die Sätze oft schon in der ersten Tribünenhälfte verebben.

Passage der Erlösung

Und es wird nicht leichter: Denn im Vergleich zu dem, was die antike Mythologie sonst an haptischen Grausamkeiten in den Tragödien offeriert, ist Sophokles' Ödipus auf Kolonos (401 v. Chr.) ein wenn auch unter schrecklichen Vorzeichen stehendes, so doch eher gemächliches Gerichtsdrama. Und aus diesen Gründen selten aufgeführt. Ödipus (Brandauer: herkulisch ruhend wie aufbrausend), der unglückselige Thebaner-Spross, der einst unwissentlich zum Vatermörder und Mutterschänder geworden war, sucht nach Jahren der Verbannung einen Richter, der ihm Gehör schenkt und Verständnis für den ihn und seine Familie marternden Fluch. Am Felsen Kolonos bei Athen findet er Schutz bei König Theseus (priesterlich: Christian Nickel), und dort wird er auch seinem Feind Kreon gegenüber (abgründig: Jürgen Holtz) zur Rechtfertigung ausholen.

Auf der weiträumigen Bühne Ferdinand Wögerbauers, die zwischen zwei Durchgängen am linken wie rechten Bühnenrand eine dem Kern des Stücks entsprechende Passage markiert, stehen einander somit nicht nur zwei Männer, sondern zwei Prinzipien gegenüber: die tyrannische Herrschaft Kreons und die dem Argument folgende Politik Theseus'. Letzterer vertritt bereits die sich in Athen bildende Demokratie.

Wie ein Readymade direkt aus Griechenland dominiert ein von rostroten Mauern eingefasster Olivenhain (Ort der Eumeniden) den glattpolierten Bühnenboden. Davor kommt in meist symmetrischen Choreografien ein wenig Bewegung in die Aufstellung, sie schrammt aber immer an einer langatmigen Antiken-Imitation.

Der zwölfköpfige Männerchor (es ist eine reine Männerwelt) symbolisiert mit seinen Gehstöcken die gebrechliche Demokratie von Athen, weist mit seiner polyfonen Rede aber auch in deren Zukunft. Man sollte in diesem Drama weniger das Schicksal eines ausgesuchten Pechvogels sehen, sondern einen Akt der Selbstbefreiung vom Bann der Götter. Steins Weihestunden, drei an der Zahl, kann man als dahingehendes antikes Lehrstück betrachten. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 28. 7. 2010)