Inhalte des ballesterer Nr. 54 (August 2010)
Ab sofort österreichweit im Zeitschriftenhandel!

Schwerpunkt: Die Führungskräfte der Liga

Trainer oder Manager?
Das Anforderungsprofil an den Coach von heute

»Es wird immer Leute geben, die meckern«
Franco Foda setzt auf mündige Spieler

Plan und Überraschung
Inwiefern ist der Fußball ein »Coaches' Game«?

Außerdem im neuen ballesterer:

»Nett sein ist nicht meine Aufgabe«
Ex-Schiedsrichter Fritz Stuchlik im Interview

Volle Kraft voraus?
Der LASK will aus vergangenen Fehlern lernen

»Ich habe nie Schweinsbraten gegessen«
Herwig Drechsel über seine Rieder Ära

Anstoß
Aparte Welten in Südafrika

Schießen oder halten
Liverpool-Legende und Rhodesien-Kämpfer Bruce Grobbelaar

Rebell im System
Spartak-Moskau-Gründer Nikolaj Starostin

Fußball unterm Hakenkreuz
Teil 25: Sportreporter Maximilian Reich

Aufstieg mit Bauchweh
Ein Lokalaugenschein bei Austria Salzburg

Groundhopping
Ein Fisch namens Adams und Meisterfeuer in Barcelona

Auf der Couch mit Dr. Pennwieser
Unhaltbare Medien

Sinnreich
Was die FIFA von Nordkorea lernen kann

 

Foto:

Ballesterer: Welche Schlüsse haben Sie als Trainer aus der WM gezogen?

Peter Pacult: Bei der WM habe ich gesehen, was mir oft vorgeworfen wird: Viele Trainer haben sich bei Toren nicht gefreut und sind regungslos sitzen geblieben. Der Del Bosque ist nur ab und zu aufgestanden und hat sich den Kragen gerichtet. Aber mit ihm und Ottmar Hitzfeld kann ich mich am ehesten identifizieren. Hitzfeld ist grundsätzlich sehr ruhig, geht aber immer wieder aus sich heraus. Er analysiert das Spiel und versucht dann, Dinge zu korrigieren.

Was sind die wichtigsten Aufgaben eines Cheftrainers? Wenn Sie eine Stellenausschreibung machen müssten, wie würde die ausschauen? 

Da hat sich in den letzten Jahren viel geändert. Mittlerweile muss man ein Psychologe und ein »Gute-Laune-Mensch« sein. Das ist ein großer Unterschied zu meiner aktiven Zeit. Wenn ich höre, dass der Trainer der Mannschaft Freude vermitteln soll, kann ich das nicht nachvollziehen. Da bin ich im falschen Film. Das Wichtigste ist die tägliche Arbeit auf dem Platz, und ich bin nicht dafür zuständig, die Spieler dazu zu motivieren.

Glauben Sie, dass der psychologischen Komponente eine so große Bedeutung zugemessen wird, weil sich die Gesellschaft und damit auch die Spielertypen verändert haben? 

Vollkommen richtig. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind anders und damit auch die Spieler. Man muss aufpassen mit Sätzen wie »Früher war alles besser«, aber ich merke bei vielen jüngeren Spielern, dass sie sich von den älteren immer weniger abschauen. Die werden zu braven, lieben und netten Menschen erzogen. Und so verhalten sie sich auch auf dem Fußballplatz. Wenn die Spieler in der Akademie nicht aufmucken dürfen, weil sie sonst rausgeschmissen werden, wie soll ich dann von ihnen verlangen, dass sie auf dem Platz frech sind und Spielwitz haben? Die Generation Anfang zwanzig, ein Veli Kavlak zum Beispiel, ist ganz anders als wir damals.

Rebellische, freche Spieler wie René Gartler sind Ihnen also lieber?

Das sind die einfachsten. Das klingt jetzt komisch, aber gerade die wollen den Erfolg am meisten. Der René Gartler ist ein Wohlstandskind, der daheim immer alles bekommen hat. Sein Vater hat es schwerer gehabt, weil sein Alter beim Bundesheer war und er immer strammstehen hat müssen. Der René ist kein Rebell. Sicher, er ist ein bisserl frech, aber man darf nicht alles an einer Affäre festmachen. Früher hat er sich nicht richtig ernährt. Ob er es jetzt tut, weiß ich nicht. Ich bin keiner, der jeden Tag nachschaut, was die Spieler machen. Die Wahrheit liegt immer draußen auf dem Platz, da erkenne ich viel. Er kann der größte Ratz sein oder der bravste Bua - ich unterscheide zwischen dem Menschen und dem Sportler. Für mich ist der Sportler wichtiger, weil ich mich mit ihm befassen muss. Der Mensch ist nicht zweitrangig, aber das ist nicht meine Baustelle.

Sie haben sich in Bad Tatzmannsdorf auf die Saison vorbereitet. Welchen Sinn hat ein Trainingslager im Sommer? 

Um konzentriert mit den Spielern arbeiten zu können. Die Belastung in der Vorbereitung ist sehr hoch, und im Trainingslager habe ich die Gewissheit, dass alles in geregelten Bahnen verläuft. Die Spieler haben einen klaren Tagesablauf: Sie trainieren, essen und schlafen. Am Abend kann ich in Ruhe mit ihnen reden. Wobei ich auch ein Trainer bin, der während der Saison viel mit den Spielern kommuniziert. In der Öffentlichkeit heißt es zwar, »der Pacult redet nicht mit den Spielern«, aber das stimmt nicht. Ich rede über das, was nötig ist, auch während des Trainings. Wenn ich an einem Spieler vorbeigehe, frage ich ihn, was es Neues gibt und ob alles in Ordnung ist. An der Antwort und der Körpersprache sehe ich, ob ihn etwas belastet. Selbstverständlich rede ich dann mit ihm. Nur verstehen viele unter »reden« halt etwas anderes. Der Stefan Maierhofer hat gerne erzählt, wie es in der Disco gewesen ist und welche Fototermine er gehabt hat. Das interessiert mich nicht, weil es mit dem Fußball nichts zu tun hat.

Wann ist Schluss mit Reden?

Wenn der Trainer einem Spieler dreimal dasselbe sagt, muss es irgendwann hängen bleiben. Wenn er im Match dann immer noch die gleichen Fehler macht, frage ich mich: Wozu rede ich eigentlich mit ihm? Irgendwann muss ich Stopp sagen, weil sich der Spieler nicht mehr weiterentwickelt. Allerdings unterscheide ich, ob der Spieler es nicht kann, weil er begrenzt ist, ob er nicht will oder mehr Zeit braucht. Wenn ich das nicht einschätzen könnte, hätte ich Jimmy Hoffer, Ümit Korkmaz und Stefan Maierhofer nicht weitergebracht.

Es gibt in jeder Mannschaft erfahrene und unerfahrene Fußballer. Wenn Sie mit der Mannschaft reden, konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf Führungsspieler wie Steffen Hofmann?

Ich unterscheide zwischen ihrer Rolle im Spiel und im Training. Das ist ein großer Unterschied. Natürlich ist der Kapitän meist ein Führungsspieler. Es gibt aber auch Ersatzspieler, die innerhalb der Mannschaft ein hohes Standing haben und auf ihre Art Führungsspieler sind. Der Kapitän wird von mir bestimmt und nicht von der Mannschaft gewählt, und selbstverständlich erwarte ich, dass die zwischen uns besprochenen Dinge an die Mannschaft weitergebeben werden. Deswegen rede ich mit dem Steff sicher mehr als mit dem ein oder anderen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich bin noch einer dieser Trainer, der findet, dass sich die Mannschaft selbst organisieren muss. Ich sehe da aber keinen großen Willen der Spieler, das anzunehmen. Nur beim Fortgehen, da organisieren sie sich. Eine Mannschaft muss auf dem Platz von Spielern geführt werden. Aber das fehlt mir. Mit der Kapitänsbinde hat das nichts zu tun. Die Spieler reden auf dem Spielfeld untereinander viel zu wenig. Kommandos sterben aus.

Immerhin kann es Ihnen nicht wie Raymond Domenech ergehen, dass sich die Mannschaft gegen Sie auflehnt.

Doch, das kann mir auch passieren. Du weißt nie, wie ein Mensch tickt, wann er einen Ausraster kriegt. Anlässe dafür gibt es genug. Einmal wird ihnen zu wenig trainiert, dann wieder zu viel. Dann passt ihnen die Trainingszeit nicht oder die Anreise mit dem Bus. Es ist nicht zu fassen, was da manchmal für Meldungen kommen. Wenn ich frage, wer gestern das WM-Match gesehen hat, und der größte Teil zeigt nicht auf, dann denke ich mir meinen Teil. Das Interesse am Fußball ist nicht mehr so groß wie früher, aber über alles andere machen sie sich Gedanken. Da muss ich als Trainer aufpassen. Man kann die Mannschaft an der langen Leine halten. Aber was heißt das? Was ist lang? Ich bin genau in der Mitte. Ich will nicht alles wissen, aber es muss Regeln geben. Das ist genauso wie bei euch im Journalismus. Da kann auch nicht jeder machen, was er will.

Wie oft darf man bei Ihnen zu spät zum Training kommen?

Nicht oft. Wenn einer jedes Mal zwei Minuten zu spät kommt, dann gibt es ein richtiges Theater. Weil das eine Nachlässigkeit ist. Er schert sich nicht drum. Natürlich kann etwas passiert sein: Stau, Verkehr, Unfall. Das kann vorkommen. Wir haben die Regel, dass die Spieler eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn in der Kabine sein müssen. Peter Hlinka hat das damals nicht besonders interessiert, er ist regelmäßig zu spät gekommen. Das ist ein Beispiel, wo sich die Mannschaft selbst organisieren muss. Zu meiner Zeit wäre das nicht möglich gewesen. Beim dritten Mal hättest du ein Problem mit einem älteren Spieler gehabt, aber ein anständiges. Es geht nicht nur um die paar Minuten, sondern um die falsche Einstellung. Das Match fängt auch um 15.30 Uhr an, da kann ich nicht zum Schiedsrichter gehen und sagen: »Wart ma nu zwa Minuten.«

Wie wichtig ist die Trainingsleistung im Vergleich zu den Spielen?

Für mich zählt der Leitsatz: So wie ich trainiere, spiele ich auch. Wenn jemand glaubt, er kann im Training nur 50 Prozent geben, wird es im Spiel nicht reichen. Der Mensch ist keine Lampe, die man ein- und ausschalten kann. Deswegen lege ich großen Wert auf die Trainingsleistungen. Natürlich kommt nicht alles auf die Goldwaage. Aber wenn ich in der Woche acht Einheiten mache, dann müssen schon ein paar dabei sein, wo der Spieler an seine Grenzen geht.

Wie stehen Sie zu Disziplinlosigkeiten gegenüber dem Trainer? In einem Kommentar haben Sie sich ja abschätzig über den Abgang von Van Persie nach dessen Auswechslung im WM-Viertelfinale geäußert. 

Ich habe noch nie erlebt, dass ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, zum Trainer geht und sagt: »Tausch einen anderen aus!« Das ist doch ein Wahnsinn! Dafür finde ich keine Worte. Wenn ich Van Marwijk bin, gebe ich ihm einen Bock mit. Generell wird viel zu viel hineininterpretiert, wenn jemand ausgetauscht wird. Nur weil ein Spieler beim Rausgehen das Leiberl weghaut, greift er damit nicht automatisch den Trainer an. Er ist unzufrieden mit sich selber, vielleicht ist ihm auch der Verein wurscht.

Stefan Maierhofer hat Sie in seiner letzten Phase bei Rapid öffentlich kritisiert. Wie würden Sie reagieren, wenn Alfred Hörtnagl meinen würde: »Holen wir ihn wieder zurück!« 

Ich habe Stefan Maierhofer zu der Karriere verholfen, von der er immer geträumt hat, die er ohne mich aber nie erreicht hätte. Er ist bei Greuther Fürth auf der Tribüne gesessen, die haben nicht mehr gewusst, was sie mit ihm tun sollen. Bei uns hat er das gemacht, wofür ich ihn geholt habe. Er hat in eineinhalb Jahren über 30 Tore geschossen. Aber schon im ersten halben Jahr, als er noch ausgeliehen war, hat er geglaubt, er ist der Größte, und wollte seinen Vertrag nicht unterschreiben. Er ist einfach ein bisserl egoistisch und undankbar. Bei anderen Vereinen hätte er für das, was er gesagt hat, einen Batzen Geldstrafe bekommen. Das war ja nicht mehr lustig. Trotz des Vertrauens, das Rapid und ich ihn gesetzt haben, ist er auf uns losgegangen. Dabei haben sie mich wegen ihm am Anfang fast gesteinigt und gesagt: »Wos wüst mit dem Spitzkicker?« Das ist die Wahrheit. Ich habe trotzdem immer zu ihm gehalten, weil ich gewusst habe, dass aus ihm etwas werden kann.

Ist es für Sie denkbar, dass Spieler bei der Aufstellung und Taktik mitreden?

Nein.

Auch nicht, wenn Steffen Hofmann sagen würde, dass er nicht mehr rechts, sondern zentral spielen will?

Der brasilianische Goalie Julio Cesar hat bei der WM gesagt: »Wir Spieler haben das Training, das System und die Taktik des Trainers zu respektieren.« Das ist ein super Satz. In meiner aktiven Zeit habe ich bei der Austria  mit einem bekannten Spieler gespielt, der dreimal im Jahr die Position gewechselt hat. Unter dem Strich ist nichts dabei rausgekommen. Er hat sich nicht weiterentwickelt. Auffallend bei der WM war, dass Spieler gesagt haben, die Mannschaft muss das und das verändern. Es ist in Ordnung, wenn ein Spieler seine Meinung äußert. Aber Gegenfrage: Was passiert, wenn es nicht so hinhaut, wie sich die Spieler das vorstellen? Wer ist dann der Blöde? Wieder der Trainer. Ich habe das nie erlebt, dass jemand zum Baric oder zum Lorant gesagt hat: »Wir wollen so spielen!« Mit Äußerungen von Spielern bezüglich der Ausrichtung der Mannschaft kann ich nichts anfangen. Das gehört sich nicht.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihr System umzustellen?

Normalerweise spielen wir ein 4-4-2, das ich zum Beispiel im Europacup, wo wir stärker auf den Gegner eingehen müssen, in ein 4-3-2-1 oder ein 4-1-4-1 abändern kann. Ich habe mir die Statistik aus den letzten zwei Jahren Champions League angeschaut, und auch bei der WM hat man gesehen, dass viele mit einem 4-3-3, 4-2-3-1 oder 4-3-1-2 spielen. Der Trend geht weg vom klassischen 4-4-2, die Teams wollen kompakt stehen und probieren es über Konter. Als Trainer muss ich mich aber danach richten, welche Spieler ich zur Verfügung habe. Ich könnte mir bei Rapid nicht vorstellen, ein 4-3-3 zu spielen. Das will ich den Spielern nicht antun, auch weil wir unser System in den letzten vier Jahren nur sporadisch geändert haben und bei Neuverpflichtungen nach Spielern suchen, die sich gut einfügen.

Sie hatten in den letzten Monaten kein gutes Verhältnis zu den Medien, während der WM haben Sie dann eine Kolumne für die Tageszeitung »Österreich« geschrieben. Wie hat sich das ergeben?

Man muss schon differenzieren. Ich habe prinzipiell kein schlechtes Verhältnis zu den Medien. Allerdings hat sich der Journalismus in den letzten Jahren gewandelt, vor allem im Radio und Fernsehen. Sky ist der Oberste Fußballgerichtshof, da wird nicht berichtet, sondern gerichtet. Das merkt man an der Berichterstattung bei den Spielen und bei den Interviewfragen. Ich reagiere da emotionaler als meine Kollegen. Zeitungen sind ein anderer Kaffee. Angeblich sind wegen der Kolumne jetzt eh schon wieder Journalisten einer anderen Zeitung auf mich heiß. Aber das ist so. Irgendeine Baustelle bleibt immer. Ich muss wegen der WM-Kolumne nicht mit denen von Österreich befreundet sein und bin es auch nicht. Die werden genauso behandelt wie andere Tageszeitungen.

(Interview: Hans Georg Egerer & Stefan Kraft, Mitarbeit: Radoslaw Zak, Foto: Daniel Shaked)