Maria Vassilakou bekennt, dass ihr "Zorn groß" sei. Für diese simple, aber nachvollziehbare Emotion hat die Wiener Grünen-Chefin einen abgesprungenen Spitzenkandidaten in der Josefstadt, eine Parteispaltung in Mariahilf und letztlich den Farbwechsel eines ihrer engsten Wahlkampfberater gebraucht. Das kann man, positiv, als bewundernswerten Langmut bezeichnen - oder, negativ, als viel zu (nach)lässiges Krisenmanagement.

Fakt ist, dass sich die Grünen derzeit, 37 Tage vor der auch bundespolitisch wichtigen Wien-Wahl, in einer äußerst misslichen Lage befinden. Und die ist weitgehend selbst verschuldet. Es wird nicht ausreichen, wenn Vassilakou nun droht, sie werde nach der Wahl über die Wiener Bezirksautonomie diskutieren lassen. Da wird sie schon resoluter beweisen müssen, dass sie handlungsfähig ist.

So wäre es etwa hoch an der Zeit, den Fetisch Basisdemokratie endlich zu entrümpeln. Die ewig gleichen Argumente, dass die Grünen nun einmal keine "autoritär strukturierte" Partei seien, dass diese ihre Individualität ihr eigentlicher "Charme" sei - bei einer längst im Politbetrieb etablierten Partei klingt das wie eine billige Ausrede, die längst fällige, mühsame Professionalisierung der Partei zu umschiffen. Nun gilt das zwar auf allen grünen Ebenen, dass die mächtige Basis mit ihren oft erratischen Wahlentscheidungen politisches Handeln schwierig macht. In Wien, mit seiner dichten Mitgliederstruktur (und deren oft widersprüchlichen Eigeninteressen), gilt das doppelt. Die bisher respektablen Wahlergebnisse nahmen auch den Druck, innerparteilich etwas zu ändern. Jetzt brennt der Hut, und es wird klar: Im Ernstfall hat die Grünen-Chefin nichts zu sagen. Das erschwert vieles - nicht zuletzt mögliche Koalitionsgespräche mit der SPÖ.

Niemand weiß das natürlich besser als Eva Glawischnig, die im Wiener Gemeinderat politisch groß geworden ist und die Stadt-Ökos kennt wie ihre Westentasche. Bis dato hat sich die oberste Grünen-Chefin allerdings nobel herausgehalten und alle Anstrengungen darauf konzentriert, sich nicht betroffen zu fühlen. So lud Glawischnig sinnigerweise für heute, Freitag, zu einer Pressekonferenz mit dem schönen Titel "Katastrophenjahr 2010" ein - meinte damit aber nicht den eigenen, sondern den "Klima-GAU".

Demonstratives Wegschauen ist freilich eine kurzsichtige Strategie: Wenn die Wiener Grünen am 10. Oktober zerschellen, wird sich die Bundesspitze an den Scherben schneiden - da können grüne Regierungsbeteiligungen in Graz oder in Oberösterreich noch so klaglos funktionieren. Und Vassilakou wäre gut beraten, ihre Kollegin im Bund mit aller Vehemenz darauf hinzuweisen.

Der Führungsstil beider Frauen unterscheidet sich zwar auf den ersten Blick durchaus angenehm von dem so mancher "Silberrücken" der Vergangenheit: Beide machen sich nicht penetrant wichtig, geben lieber intern Impulse und lassen im Übrigen ihre Teams arbeiten. Allerdings reicht es nicht, darauf zu hoffen, dass eh alle brav an einem Strang ziehen und der Wähler dies auch belohnt. Im Krisenfall muss die Parteispitze eingreifen können - und dies auch wollen.

Wenn sich diese Binsenweisheiten moderner Führungskultur nicht bald bei den Grünen herumsprechen, wird es immer schwieriger werden, mit Sachthemen zu punkten. Das wäre nicht nur für die Grünen fatal. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2010)