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Kampusch übt in ihrem Buch auch Kritik an der Polizei und den Behörden.

Foto: EPA/MARCUS BRANDT

Brutalste körperliche Gewalt, psychische Folter, ein Leben in Gefangenschaft voller Angst - so beschreibt Natascha Kampusch in ihrer Autobiografie "3096 Tage" auf 284 Seiten das Martyrium ihrer Entführung. Die schwere Kindheit durch die Trennung der Eltern, Überlebensstrategien und das Heranwachsen bis zum Durchringen zur Flucht finden darin ebenso Platz wie die wohlüberlegte Gesellschaftskritik einer jungen Frau. Das vom List Verlag herausgebrachte Buch kommt am Mittwoch auf den Markt.

"Diese Gesellschaft braucht Täter wie Wolfgang Priklopil, um dem Bösen, das in ihr wohnt, ein Gesicht zu geben und es von sich selbst abzuspalten. Sie benötigt die Bilder von Kellerverliesen, um nicht auf die vielen Wohnungen und Vorgärten sehen zu müssen, in denen die Gewalt ihr spießiges, bürgerliches Antlitz zeigt. Der Täter muss eine Bestie sein, damit man selbst auf der guten Seite stehen bleiben kann." Zu diesem Schluss kommt die heute 22-Jährige abseits ihrer Schilderungen von Todesängsten und Gedanken im "Hochsicherheitstrakt für ein Kind", wie sie ihr Kellerverlies nennt.

"Psychisches Gefängnis"

Mehrmals zitiert Kampusch schonungslos ihre damaligen Aufzeichnungen direkt nach Übergriffen: "Fausthiebe und Tritte, würgen, kratzen, Handgelenk prellen, abquetschen desselbigen, gegen Türrahmen gestoßen. Mit Hammer und mit Fäusten in Magengegend (schwerer Hammer) geschlagen." Unzählige Demütigungen sorgten für ein "psychisches Gefängnis", das ihr lange den Mut zu Fluchtversuchen raubte: "Er hat das ein paar Mal gemacht - mich nackt vor die Haustüre gestoßen und gesagt: 'Lauf doch. Schau doch, wie weit du kommst.' Mit jedem Mal wurde die Welt draußen bedrohlicher." Einschüchterungen durch vermeintliche Sprengfallen standen an der Tagesordnung: "Ich habe bis nach meiner Befreiung an die ominösen Sicherungen geglaubt."

Erste Nacht außerhalb des Verlieses

Zu den besonders bedrückenden Stellen im Buch zählt die Schilderung der ersten Nacht außerhalb des Verlieses - nach vier Jahren im winzigen Kellerverlies - im Bett des Täters, mit Kabelbindern an den Handgelenken an Priklopil gefesselt. "Natürlich setzte er mich auch kleinen sexuellen Übergriffen aus, sie wurden Teil der täglichen Drangsalierungen, wie die Knüffe, die Fausthiebe, die Tritte im Vorbeigehen gegen das Schienbein", schreibt Kampusch. Um Geschlechtsverkehr ging es laut der 22-Jährigen nicht: "Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln." Mehr will sie über diesen Teil ihrer Gefangenschaft nicht Preis geben. Neben der Zeit in Gefangenschaft räumte Kampusch ihrer zum Teil unglücklichen Kindheit viel Platz ein. Sie berichtet von alltäglichen Ohrfeigen und Schwierigkeiten nach der Trennung der Eltern, die sie zum dicklichen Kind mit Frust-Essattacken und Bettnässerin machten.

Keine Hinweise zu Komplizen

Wer angesichts der seit Jahren im Raum stehenden Spekulationen über Komplizen Priklopils Ansatzpunkte erhofft, sucht in der Autobiografie vergeblich nach Hinweisen. Mehrmals geht Kampusch auf die vielfach zitierten Widersprüche in ihren Polizeiaussagen ein: "Wahrscheinlich hatte er sich die Hintermänner nur ausgedacht, um mich einzuschüchtern." Ein anderes Mal heißt es: "Dennoch weiß ich bis heute nicht sicher, ob Priklopil - wie er am Anfang immer behauptete - mich im Auftrag anderer gekidnappt oder ob er allein gehandelt hatte. Während meiner Gefangenschaft sprach allerdings, von den anfänglichen Andeutungen Priklopils abgesehen, nichts für Mittäter."

Kritik an Polizei und Behörden

Gegen Ende des Buches kritisiert das Entführungsopfer Polizei und Behörden, wenn Kampusch beispielsweise erzählt, wie sie zwei Beamte nach der Flucht wie eine mögliche Kriminelle behandelten: "'Bleiben Sie, wo Sie sind, und heben Sie die Arme!', blaffte mich einer von ihnen an. So hatte ich mir meine erste Begegnung mit der neuen Freiheit nicht vorgestellt. Mit erhobenen Armen wie eine Verbrecherin an der Hecke stehend, erklärte ich der Polizei, wer ich war." Im Epilog gilt Natascha Kampuschs Kritik vor allem dem fehlenden Verständnis der Öffentlichkeit: "Schleichend schlug die Anteilnahme in Missgunst und Neid um - und manchmal sogar in offenen Hass." (APA)