Es hätte ein großer Moment der Unionsgeschichte werden sollen, die erste "State of the Union" -Rede des Kommissionspräsidenten vor dem Plenum des Europäischen Parlaments. Nach getaner Arbeit muss man leider festhalten: Straßburg ist nicht Washington. Und der Chef der Brüsseler Zentralbehörde darf sich zwar auch Präsident nennen, ein Barack Obama ist José Manuel Barroso deshalb aber noch lange nicht.

Nicht nur deshalb ging sein Versuch, einmal allen zu zeigen, wer Gesamteuropa politisch führt (wie das seine Gewährsleute im Vorfeld versprachen), gründlich daneben.

Jeder US-Präsident unterwirft sich einer solchen Übung seit mehr als hundert Jahren, indem er sich dem Kongress stellt, in Wahrheit aber zu seinem Volk spricht, um ihm die große politische Linie aufzuzeigen. Das kann - Obama hat es nach einem Jahr im Amt demonstriert - eine großartige Übung in offener Demokratie und Kommunikation sein. Wenn man etwas zu präsentieren hat und wenn man auch wirklich zu seinen Bürgern sprechen will.

Davon sind wir Europäer offenbar weit entfernt, nimmt man den Kommissionspräsidenten als Maßstab. Das beginnt schon im Kleinen. Es wird sein ewiges Geheimnis bleiben, wie er eine solche live übertragene Rede mit einer Begrüßungsformel einleiten kann, mit der er Präsident und die Abgeordneten anspricht, nicht aber "meine lieben Mitbürger" - "fellow Americans" , wie das Obama selbstverständlich tat. Und es setzt sich fort in der Wahl der Themen und der Worte.

Früher einmal gab es das Sprichwort, das Archiv sei der Feind der Politiker, weil man dort nachlesen könne, was einer früher einmal zum Besten gegeben habe. Heute müsste man sagen: Der größte Gegner von Spitzenpolitikern ist das Internet. Jeder kann sich überall auf der Welt jederzeit davon überzeugen, was der Unterschied zwischen einem europäischen Präsidenten und einem US-Präsidenten ist: indem man sich den Originalauftritt abruft.

Obama sprach langsam, in einem weiten gedanklichen Bogen über Geschichte, Sinn und Stärke der USA. Barroso zeigte sich als aalglatter, abgehobener Vollzieher, der nirgends anstreifen will, das Wort Roma-Abschiebungen meidet, als Mann ohne jede Vision, der vorträgt wie ein mit Textbausteinen übervoller Sprechautomat. Eine Obama-Rede hat er offenbar nie gesehen. Das ist Europas Dilemma. So kann und darf man mit den Bürgern nicht reden. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)