Im Vorfeld zum Welttag der Suizidprävention am 10. September macht die Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit auf ein unterschätztes Phänomen aufmerksam, das immer mehr Menschen in den Suizid treibt: die moderne Einsamkeit. "Wir können von einer sogenannten modernen Einsamkeit sprechen", sagt Günter Klug, stellvertretender Obmann der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit (GFSG) und Facharzt für Psychiatrie. "Es gibt eine gesellschaftliche Entwicklung, die einsames Leben fördert, anstatt es zu vermeiden. Das ist bedauernswert, weil viele Menschen dieser modernen Einsamkeit nicht gewachsen sind und sie auf Dauer daran erkranken. Das führt in die Depression und im schlimmsten Fall zum Suizid."

Moderne Einsamkeitsfallen

Zu den häufigsten Ursachen, die moderne Einsamkeit fördern, zählt die GFSG fünf Punkte. Die Zahl der Einzelhaushalte unter den Privathaushalten hat sich in den letzen 50 Jahren mehr als verdoppelt, von 14 Prozent auf fast 33 Prozent (Zahlen aus der Steiermark, Anm.) Das sind fast doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Ein zweiter Grund sind Jobwechsel und Arbeitslosigkeit: "Häufig beschränken sich soziale Beziehungen auf das engere Berufsumfeld. Das kann fatale Auswirkungen haben, wenn Menschen dazu gezwungen sind, öfter den Beruf zu wechseln", gibt Klug zu bedenken. Dauerhafte Beziehungen sind auf diesem Weg nur schwer oder gar nicht möglich." Auch Arbeitslosigkeit sei eine Einsamkeitsfalle. 

Auch die Zahl der Jugendlichen, die sowohl aus dem Netzwerk einer familiären als auch schulischen Betreuung herausgefallen sind, steigt. Parallel dazu steigt auch die Jugendarbeitslosigkeit. Viele junge Menschen fühlen sich im Stich gelassen und ziehen sich zurück. Übrig bleibt ein Tag mit immer weniger Aufgaben und es kommt zur Tag-Nacht-Umkehr: Die Jugendlichen stehen spät auf, der Rest des Tages wird vor dem Computer oder dem Fernseher verbracht. Frust und Einsamkeit nehmen zu, der Kontakt zur Welt geht verloren. Nicht nur junge Menschen sind einsam: Zu den am meisten von Suizid gefährdeten Menschen gehören nach wie vor Männer ab 65. "Männer im höheren Alter können nur sehr schwer mit ihrer Einsamkeit umgehen, sie haben oft nicht rechtzeitig gelernt, Probleme dieser Art zu lösen, oder sich Hilfe zu holen. Das zeigen uns die Suizidraten Jahr für Jahr auf erschreckende Weise", bedauert Klug.

Die Zahl der psychisch erkrankten Menschen hat zugenommen, auch bedingt durch die oben angeführten Gründe.  Oft führt psychische Krankheit durch Selbst- und Fremdstigmatisierung zur Isolation - die Betroffenen schämen sich ihrer Erkrankung oder Freunde und Bekannte können damit nicht gut umgehen und brechen den Kontakt ab. Es kommt zum sozialen Rückzug. "Wenn jemand psychisch erkrankt, fällt ihm auch die Kontaktaufnahme zu anderen schwer. Die Betroffenen müssen dafür immer mehr Energie aufbringen. Das führt dazu, dass sie sich weiter zurückziehen und noch einsamer werden", so Klug.

Empfehlungen an jeden Einzelnen

Die GFSG gibt Ratschläge wie Einsamkeit im Leben besser vermieden werden kann beziehungsweise wie man damit besser umgehen kann: Sehr früh beginnen, gute stabile Freundschaften zu pflegen, Kontakte auch außerhalb des Berufsumfeldes suchen, private Interessen nicht völlig hinter berufliche Notwendigkeiten stellen. Nicht zuletzt: Jeder dürfe so sein, wie er ist. Selbstannahme sei das beste Mittel gegen Einsamkeit. Bei Schwierigkeiten sollte man professionelle Hilfe nicht scheuen.

Von der Politik fordert die Gesellschaft eine Einrichtung eines mobilen psychiatrischen Krisendienstes, mehr mobile Betreuungsmöglichkeiten und eine bessere Versorgung der Altersrandgruppen (junge und alte Menschen). Dringend notwendig sein auch eine drastische Reduktion der Wartezeiten bei der psychosozialen Versorgung und mehr Projekte zur Vorbeugung und Bewusstseinsbildung. (red)