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Natascha Kampusch bei der Präsentation ihres Buches

Foto: Leonhard Foeger, Pool/AP/dapd

Ein durchgeplantes Großereignis über ein Buch mit verstörenden Inhalten.

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Wien - "Ich bin sprachlos" , sagt Natascha Kampusch zu ihrem Interviewer Christoph Feurstein, als beide sich auf dem Podium niederlassen. Sprachlos, weil so viele Zuhörer in die Thalia-Buchhandlung gekommen sind, um sie zu sehen und zu hören, meint sie. Doch das Reden - vor allem; das freie Sprechen - fällt der 22-Jährigen, die Donnerstagabend in Wien ihre Autobiographie "3096 Tage" vorstellte, merkbar schwer.

Kein Wunder, sind doch sowohl die Organisation der Veranstaltung als auch das Thema des Buches nicht für Entspannung geeignet. Gitter und Absperrbänder durchschneiden die Bücherverkaufslandschaft, um Zuhörermassen auf gebührliche Distanz zu halten. Dass sie von 31 mikrophonverkabelten Securitys, sechs Detektiven und 60 Thalia-Angestellten bewacht werden, wird schon ab dem frühen Morgen kolportiert. Taschen und Rucksäcke werden auf gefährliche Gegenstände hin untersucht - auch auf Fotoapparate und Sprachaufzeichnungsgeräte hin beim Verlassen der Lokalität: ein inszeniertes Großereignis aus Anlass eines in beachtlichen 50.000 Stück erstaufgelegten Buches, das die sehr persönliche Geschichte eines Überlebens trotz achtjähriger Folter schildert.

"Im Laufe des Tages verlor ich zunehmend die Kontrolle über meinen Körper, meine Gedanken. Die Schmerzen in meinem Bauch, die Schwäche, die Gewissheit, dass ich den Bogen überspannt hatte und er mich nun elendiglich verrecken lassen würde. Ich fühlte mich wie an Bord der sinkenden Titanic", liest Kampusch, im Seidenkleid und anfangs sichtlich beklommen, aus ihrem Buch. Je länger sie das tut, desto flüssiger kommen ihr die Worte von den Lippen: Es geht um einen Tag im Jahr 2004, als sie es wagte, dem Entführer Wolfgang Priklopil zu widersprechen. Er zerrte sie, kahlgeschoren und übersät mit blauen Flecken, in den Keller zurück. Zwei Tage musste sie im Dunkeln und ohne Essen ausharren.

Die mehreren hundert Zuhörer, vor Videowalls auf zwei Buchhandlungsetagen verteilt, hören kommentarlos zu. Keine Zwischenrufe, keine Störversuche, die man - so hieß es - befürchtet hatte. Die, die gekommen sind, gehören großteils nicht zu den Kampusch-Gegnern und -Hassern. "Für mich ist Natascha Kampusch ein außergewöhnlicher Mensch, der ein außergewöhnliches Buch geschrieben hat" , sagt ein 31-jähriger Mann.

Viele "Kenner des Falles"

Auch viele Journalisten sind da, sogar aus Frankreich und aus der tschechischen Republik wurden Fernseh- und Radioteams nach Wien-Landstraße entsandt. Ihre Interviewpartner in der Buchhandlung können sie unter erstaunlich vielen Kennern des Kriminalfalles wählen: "Ich wohne in Strasshof, nur zwei Straßen vom Priklopilhaus entfernt", behauptet eine blonde Frau: "Wäre Natascha im August 2008 zu mit geflüchtet, ich hätte sie sofort erkannt." Dann lässt sie sich über Kampusch-Familieninterna aus, die sie ganz intim zu kennen meint.

Auf dem Podium hat die Buchautorin indes ein wenig von ihrer Nervosität abgelegt: Das Buch habe sie - mit Unterstützung von zwei Ghostwriterinnen - geschrieben, "weil ich das Ballastpaket loswerden wollte und endlich mit meinem neuen Leben beginnen möchte" , sagt Natascha Kampusch. Und, als Interviewer Feurstein wissen will, wie es ihr seit ihrer Selbstbefreiung ergangen ist, sagt sie: "Das Schöne ist nicht so ganz eingetroffen, wie ich es mir erhofft hatte." (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2010)