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Pantin nördlich von Paris, eines von 600 Roma-Lagern in Frankreich. Die Gemeindeverwaltung stellt den Insassen WCs und Müllcontainer zur Verfügung. Das sei schon viel, heißt es.

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Grafik zu Sinti und Roma in der EU.

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Ça va, ruft der blonde Dreikäsehoch, der sich dem auswärtigen Besucher an die Fersen heftet: alles gut, alles in Ordnung. Mit seinem Lumpenhemd und dem kecken Lachen könnte man den Knirps für eine moderne Ausgabe von Oliver Twist halten. Und das Dekor für ein Londoner Elendsviertel des 19. Jahrhunderts: Im Gegenlicht der Morgensonne steigen feine Rauchsäulen aus den Bruchbuden, zwischen denen sich ein Rinnsal durch die gestampfte Erde bahnt und sich Kinder im Schmutz tollen.

Wir sind allerdings im 21. Jahrhundert und in einem Roma-Lager in Pantin außerhalb von Paris. Entstanden ist es vor acht Monaten fast über Nacht auf einem verlassenen Eisenbahngelände. Ça va, antwortet der Gassenjunge auf die Frage, ob es hier einen Vorsteher gebe. Aber es ist keiner in Sicht, nicht einmal ein Mercedes, nur blanke Misere. Dazu argwöhnische Blicke von Männern mit Trainerjacken und schwarzen Zähnen.

Niemand will Lager verlassen

Vor einer Hütte sitzend, beherrscht ein junges Pärchen ein paar Brocken Französisch. Die Frau erklärt das Misstrauen, während sie ihrer Tochter mechanisch den Pferdeschwanz geradezieht: Vor ein paar Tagen seien vier Herren mit Papieren vorbeigekommen; sie hätten auch nach den Familienvorstehern verlangt und ihnen dargelegt, dass sie das Gelände verlassen müssten. Das stehe in den Papieren, hätten sie gesagt.

Der Aufforderung Folge zu leisten kommt in Pantin niemandem in den Sinn. Dabei zahlt die Regierung in Paris die Rückreise nach Bukarest und fügt pro Erwachsenem 300 Euro in bar hinzu, pro Kind 100 Euro. "Was sollen wir in Rumänien? Keine Arbeit, keine Wohnung - kein Leben", meint der Mann impulsiv.

Dass einzelne Roma die Rückreise nach Bukarest für einen Familienbesuch nützen und dann mit einem Busticket für 60 Euro nach Paris zurückreisen könnten, kommentiert er mit einem Kopfschütteln, als habe er die Frage nicht verstanden. "Wir bleiben jedenfalls hier", meint er trotzig und wirft seinen ausgetrunkenen Pappbecher auf die Schutthalde, die fast schon so hoch ist wie die Hütte. Gegenüber dem Roma-Lager in Pantin wirkt sogar ein Slum in Kalkutta oder eine Favela in Rio wie herausgeputzt.

Mindestens 300 Camps sollen planiert werden

Die 300 rumänischen "Fahrenden", die nur zu gerne sesshaft wären, wirken erstaunlich gelassen, kann doch die Polizei jeden Morgen um sechs mit Haftfahrzeugen und Bulldozern anrücken. Präsident Nicolas Sarkozy hat Order gegeben, wenigstens die Hälfte der 600 illegalen Roma-Camps in Frankreich binnen drei Monaten zu schleifen. Mehr als tausend Roma sind seit Juli nach Rumänien und Bulgarien abgeschoben worden. Die EU-Kommission hat Paris dieser Tage vergeblich daran erinnert, dass das EU-Recht keine kollektiven Ausweisungen zulässt, sondern Einzelfallprüfung vorschreibt.

Innenminister Brice Hortefeux beruft sich auf das EU-Übergangsrecht, das einem Dutzend Mitgliedstaaten seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens erlaubt, die Personenfreizügigkeit bis 2014 zu suspendieren und Angehörige dieser beiden Länder auszuweisen, wenn sie nach drei Monaten keine "genügenden Mittel" vorweisen können.

Ohne Arbeitserlaubnis in Frankreich sind die Roma von Pantin dazu natürlich nicht in der Lage. Philippe Bon, Kabinettchef der Gemeinde Pantin: "Viele arbeiten schwarz, indem sie mit Metallen oder anderen Abfällen handeln oder betteln gehen." Die sozialistische Kommunalregierung stellt den Roma Toiletten und Abfallcontainer bereit. Das sei schon viel, meint Bon mit Verweis auf eine lokale Petition für die Auflösung des Roma-Lagers.

Stadtverwaltung zwischen den Fronten

"Seitdem die Roma da sind, breiten sich die Ratten im Viertel aus", schimpft eine Mutter mit Kinderwagen unweit vom Lagereingang und zeigt in die andere Richtung: "Dort drüben herrschen von jeher die Drogendealer. Jetzt sind wir zwischen denen und den Roma eingekeilt."

Die Stadtverwaltung steht ebenfalls zwischen den Fronten. "Wir sind gegen die harte Politik Sarkozys, der aus gerade einmal 15.000 Roma in Frankreich eine Riesenaffäre macht", meint Bon. "Aber wir müssen auch an die betroffenen Einwohner denken. Abhilfe könnte letztlich nur eine gesamteuropäische Lösung schaffen."

In einem Ansatz dazu verteilt Brüssel an die Mitgliedsstaaten Gelder für Integrationsmaßnahmen zugunsten der Roma. EU-Justizkommissarin Viviane Reding wirft mehreren Regierungen vor, sie nutzten diese Subventionen nicht einmal. Im Unterschied zu anderen Großlagern besuchen die Roma-Kinder aus Pantin jedenfalls keine Schule. Beim Verlassen des Lagers folgt einem wieder der blonde Junge. Ça va, ça va, ruft er, und plötzlich wird klar, dass er nicht einmal weiß, was das bedeutet. (Stefan Brändle, DER STANDARD-Printausgabe, 13.9.2010)