Wenn man es bei Grenzübertritten besonders schwer haben will, richtet man sich genau so her. Mark Oliver Everett und seine US-amerikanischen Eels live in der Wiener Arena.
Wien - Die Musik vom Band plärrt hüftsteife deutsche Big-Band-Musik der 1970er-Jahre auf das Open-Air-Areal der Wiener Arena. Auf die Mischung kommt es an. Zwischen Schwarzwaldpolka und Beatles mit von Trompeten gezogenem Seitenscheitel zwitschern fröhliche Mädchen, dass die Männer nun einmal sind, wie sie sind. Ändern könne man daran nichts.
Wem das zu anstrengend ist, der hat vom Leben noch nicht viel gesehen. Auf besonderen Wunsch des heutigen Stars Mark Oliver Everett, der in knapp zwei Stunden mit seinen Eels auf die Bühne kommen wird, tritt in jeder Stadt der laufenden Europa-Tour auch ein lokaler Künstler auf. Allerdings muss es sich dabei um die Disziplin des Bauchredens handeln. Elmar Ballanda aus Hollabrunn sorgt im Publikum zumindest unter jenen für Beklemmung, die der Gesellschaft noch nicht als Aufsichtspersonen und Erziehungsberechtigte bei diversen Kindergeburtstagen gedient haben. Man verdrängt gern, was für ein hartes Brot das Bauchreden ist.
Danach kommt die Londoner Sängerin Alice Gold solo mit E-Gitarre und klingt wie eine Pubrock-Version der US-Rockröhre Bonnie Riatt. Das geht aber schnell vorbei, weil man dank Elmar Ballanda und seinen Handpuppen Otto und Affe jetzt unverwundbar ist.
Mark Oliver Everett alias Mr. E selbst verstörte sein Publikum im Rahmen seiner letzten Wien-Auftritte mit Dokumentarfilmen über seinen Vater Hugh Everett, einem entscheidend an der Entwicklung der Wasserstoffbombe beteiligten Wissenschafter, oder auch damit, dass er zuletzt in der Arena einen Hell's-Angel-Rocker dabeihatte, der auf der Bühne Kung-Fu-Dancing betrieb, während der für seine Sensibilität wie für seinen Sarkasmus bekannte US-Songwriter mit bodenständigem Hardrock ZZ Top das Fürchten lehrte.
Dieses Mal startete Everett solo mit dem Grace Kelly Blues, sang dann gemeinsam mit seinem Gitarristen das Loblied auf einen kleinen Vogel, seinem letzten verbliebene Freund auf Gottes Erdboden, und zupfte sich auf elektrischer Folkbasis durch Songs seiner in den letzten eineinhalb Jahren veröffentlichten Albumtrilogie Hombre Lobo, End Times und Tomorrow Morning, einer mitunter bedrückenden Songsammlung, mit der er das Scheitern einer Beziehung dokumentiert.
Last Man Standing
Doch Einsamkeit und Verzweiflung wurden bald durchbrochen, da Everett mit sonorer, nur wenige Noten zulassender Gesangsstimme Blender und Showman genug ist, um eventuelle Erwartungshaltungen auch beherzt zu brechen. Es folgten She Said Yeah von den Rolling Stones, eine zünftige Hommage an die Beatkeller der 1960er-Jahre, und Summer In The City von The Lovin' Spoonful.
Everett versteckt sich dabei live schon seit längerem hinter Kopftuch, Sonnenbrille und Landkommunenbart. Die Kunst mag zwar im Auge des Betrachters liegen. Ob hier auf der Bühne aber auch jenes Herzblut rinnt, das auf den Alben der Eels zwischen Künstler und Hörerschaft so intensive, intime Momente aufwühlt, bleibt das Geheimnis des Glaubens an eines der letzten verbliebenen Songwriter-Enigmas des Alternative Rock.
Die allesamt mit imposanten Bärten ausgestatteten Eels stehen schließlich mit insgesamt drei Gitarristen und einer solide wuchtenden Rhythmusgruppe auf der Bühne und machen mit Stücken wie Dog Faced Boy oder Souljacker Part I deutlich, dass Soloausritte selbst heutzutage noch prächtig funktionieren können. Man muss sie nur innerhalb der Band spöttisch abklatschen und zwischen harten Riffs und trockenem Funk im Stil eines Prince eher ironisch posierend exerzieren.
Frenetischen Applaus erntet Mark Oliver Everett allerdings, wenn er ruhiger und melodisch wird. The Look You Give That Guy, Mr. E's Beautiful Blues oder I Like Birds und am Ende eine Version von George Gershwins Summertime legen Zeugnis davon ab, dass dieser Meister der Verzweiflung wie auch des doppelten Bodens in seiner stilistischen Vielfalt zwischen Folk, Blues, Beat, Funk und heiligem Lärm mittlerweile eines ist: Last Man Standing. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe 14.9.2010)