Wien - Auf gemischte Reaktionen stößt die seit kurzem umgesetzte Entscheidung des ORF, die TV-Wissenschafts- und Religionsabteilung unter eine gemeinsame Führung (von Religions-Chef Gerhard Klein) zu stellen. Manche österreichische Top-Forscher zeigten sich "bestürzt", fragten, ob dies eine "intelligent decision" sei, oder dachten gar, dass diese Nachricht "aus dem medialen Imperium Berlusconis" komme. Andere machen sich dagegen "keinerlei Sorgen" und reagieren mit Vertrauensvorschuss. Wissenschafts- und Religionschef Gerhard Klein selbst zerstreut Sorgen und erklärt, dass die Loyalität des ORF allein den Sehern und dem Rundfunkgesetz gelte.

In Reaktionen ging es den heimischen Top-Forschern weniger um die Personalentscheidung denn um die dahinter liegende Strukturentscheidung. Für die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak handelt es sich etwa um eine "seltsame - typisch österreichische - Entscheidung". "Wenn der Staat immer weniger Geld für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, dann braucht der ORF anscheinend auch keine eigene Abteilung für Wissenschaft mehr", meinte sie und fragt sich, "ob Wissenschaft nun zu einer Glaubensfrage wird" und das eine "intelligent decision" ist.

Qualitätsverständnis

Objektiver Wissenschaftsjournalismus ist für den Genetiker Markus Hengstschläger keine Frage der Strukturen, sondern basiere auf dem Qualitätsverständnis, dem Können und der journalistischen Ethik der handelnden Personen. "Wenn das auch leider im Einzelnen nicht immer optimal ist, so mache ich mir im konkreten Fall keinerlei Sorgen", betonte der Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien.

An Nachrichten "aus dem medialen Imperium Berlusconi's" fühlte indes sich die österreichische Wissenschaftsforscherin und Präsidentin des European Research Council (ERC), Helga Nowotny, bei der Mitteilung über die gemeinsame Leitung von TV-Wissenschaft und Religion erinnert. "Doch dann wurde mir klar, dass es wahrscheinlich nicht so sehr ideologisch, kommerziell oder politisch motivierte Hintergründe sind, sondern bestens zum Land der 'Unüberwindlichen' passt", verweist Nowotny auf Karl Kraus' gleichnamiges Drama mit den Figuren "Hinsichtl" und "Rücksichtl".

Der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger kann sich dieser Position Helga Nowotnys nur "voll anschließen". Ob diese Entscheidung etwas mit dem "nicht unverkrampften Verhältnis von Wissenschaft und Religion" zu tun hat, "wage ich als gelernter Bürger dieses Landes der Unüberwindlichen zu bezweifeln. Allerdings gäbe es genau zu diesem Thema einiges zu sagen, um das Verhältnis zu entkrampfen", so Zeilinger.

"Zurück in die 1950er Jahre"

"Bestürzt über diese Entwicklung" zeigte sich der Sozial- und Kulturanthropologe und Wittgenstein-Preisträger Andre Gingrich. Andere öffentlich-rechtliche Sender im deutschsprachigen Raum würden den Wissenschaften mehr Raum widmen, weil dies den europäischen Erfordernissen und Zielvorstellungen vom Aufbau einer wissensbasierten Gesellschaft entspreche. "Mit dieser Weichenstellung koppelt sich der ORF vom Weg der EU ins 21. Jahrhundert ab und proklamiert stattdessen 'zurück in die 1950er Jahre'".

Der Wiener Quantenphysiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt geht "nicht davon aus, dass der ORF jetzt beginnen wird, 'Intelligent Design' als naturwissenschaftliche Erklärung zu vermarkten. Das würde eher in die Rubrik Kabarett fallen." Für den nach 20 Jahren US-Karriere kürzlich nach Österreich zurückgekehrten Politologen Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg kommt es "immer auf die Qualität der Leute an und man sollte den Verantwortlichen auch den 'Benefit of the Doubt'", also einen Vertrauensvorschuss, geben. (APA)