Bäcker Maurer: Viele Bewerber "intellektuell ungeeignet".

Fotos: derStandard.at/Burgstaller

Isabella Leeb ist selber Unternehmerin.

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Tests "auf Volksschulniveau".

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"Wenn nicht der Papa oder der Freund Bäcker ist, dann bewerben sie sich meist gar nicht", so Maurer.

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Huber: In den Schulen werde "kein Leistungsbewusstsein" mehr vermittelt.

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Am Gelände der Bäckerei Schwarz im 23. Wiener Gemeindebezirk riecht es nach allerlei gebackenen Köstlichkeiten. Es ist später Vormittag, und die Hallen leeren sich langsam - zu Mittag gehen die meisten Bäcker schon wieder schlafen. Allerdings sind sie dafür schon um drei oder vier Uhr früh aufgestanden. Ob es an den gewöhnungsbedürftigen Arbeitszeiten liegt, dass Bäckereichef Wolfgang Maurer seit einiger Zeit Probleme hat, Lehrlinge zu finden?

"Intellektuell ungeeignet"

Er glaubt das nicht, aus zwei Gründen. Diejenigen, die sich bewerben, wüssten schon was sie erwartet. Und früher hätten die Arbeitszeiten auch niemanden abgeschreckt. Nur: Bewerben tun sich dennoch zu wenige. "Ich habe seit zehn Monaten zehn Lehrstellen ausgeschrieben", erzählt er. "Zwei taugliche Lehrlinge haben sich in der ganzen Zeit beworben". Der Rest der wenigen Bewerber sei "intellektuell ungeeignet", erklärt er.

derStandard.at trifft Maurer gemeinsam mit Thomas Huber, Lehrlingsbeauftragter der Strabag, und VP-Wien-Stadträtin Isabella Leeb, und die drei sind sich einig: Das Niveau der Lehrstellenbewerber sei in den letzten Jahren gesunken. So würden etwa immer mehr Lehrlinge bei den schriftlichen Aufnahmetests völlig versagen - wenn sie denn überhaupt zu den Terminen erscheinen.

Tests auf Volksschulniveau

Diese Tests seien aber ohnehin "auf dem Niveau von Volksschülern der vierten Klasse", erklärt Leeb. Ein paar Beispiele, die gefragt werden:
"Was sind zehn Prozent von 300?", "Welche Bundesländer hat Österreich?", "Wer ist Bundeskanzler/Bundespräsident?". Einerseits gehe es um grundlegendes Allgemeinwissen, andererseits um elementare Grundrechnungsarten. Die, das betonen beide Vertreter der Wirtschaft, nunmal notwendig für eine Lehre seien.

Auch Huber von der Strabag findet, dass sich "das Niveau in den letzten Jahren erschreckend verschlechtert" hat. So hätten sich für 2009 für 17 zu vergebende Lehrstellen zwar 140 Jugendliche beworben. Davon seien 104 zu einem Aufnahmetest eingeladen worden, nur 79 sind dann auch gekommen. Sich entschuldigt und den Termin abgesagt haben die meisten nicht.

"Kein Leistungsbewusstsein"

Von den 79 Testteilnehmern haben 11 Prozent die notwendige Punktezahl erreicht. "Und die haben wir ohnehin schon heruntergeschraubt, um die Lehrstellen überhaupt besetzen zu können", so Huber. Generell habe man ein Problem, weil in den Schulen "kein Leistungsbewusstsein" mehr vermittelt werde.

Das sieht auch VP-Stadträtin Leeb so. "Seit 20 Jahren geht das Bildungswesen in Wien den Bach hinunter", ärgert sie sich. "Man entlässt Jugendliche ohne eine wirkliche Chance ins Leben".

Sie wehrt sich gegen Anschuldigungen, die ÖVP stelle Lehrlinge "als dumm hin": "Das tun wir keineswegs, die können nichts dafür, dass sie keine gute Schulbildung in Wien mehr erhalten", so Leeb.

Berufsbildung fehlt

Bäckereichef Maurer meint: "Die Berufsschulleiter wollen die Lehrlinge heute nur noch durchbringen, kein Mensch kümmert sich darum ob die auch etwas können, wenn sie mit der Schule fertig sind". Gekippt sei das System seiner Ansicht nach vor etwa 20 Jahren - seitdem sinke das Niveau der Bewerber kontinuierlich.

Alle drei sind sich einig, dass im Bereich Berufsbildung in den Schulen einiges im Argen liegt. "Man müsste Berufsbildung bereits im Kindergarten verankern", fordert Leeb. Das Bild, das in Schulbüchern etwa von der Industrie vermittelt werde, sei außerdem völlig veraltet. "Da geht es nicht immer um Stahl". Und Maurer beklagt sich über Lehrlinge, die keine Ahnung von möglichen Berufsbildern hätten. "Die meisten, die sich bewerben, haben keine Ahnung wofür sie sich bewerben."

Nur wenige Lehrberufe sind bekannt

Der Mangel an Infos, so sind sich die DiskutantInnen einig, sei auch mit ein Grund dafür, dass sich die meisten Lehrstellensuchenden immer noch für ein paar Berufe bewerben und das breite Spektrum des Angebots nicht ausnützen. "Wenn nicht der Papa oder der Freund Bäcker ist, dann bewerben sie sich meist gar nicht", so Maurer.

Und er seufzt: "Die Einstellung der Jugendlichen wird immer schlimmer. Wenn es den Lieblingslehrberuf nicht gibt, dann wollen sie lieber gar nichts machen". Auch Leeb mahnt die Lehrstellensuchenden zu mehr Flexibilität. Und was ist mit den Unternehmen? Zeigen die nicht auch teilweise zu wenig Engagement und Ausbildungsbereitschaft? Das will Leeb so nicht stehen lassen: "Es gibt schlechte Lehrherren und schlechte Lehrlinge, Punkt." Und Huber fügt hinzu: "Viele Unternehmen bilden wegen des strengen Kündigungsschutzes keine Lehrlinge aus". Dieser gehöre seiner Ansicht nach gelockert. (az, derStandard.at, 28.9.2010)