ModeratorIn: Lieber Herr Dr. Nowotny, danke, dass Sie heute zu uns gekommen sind. Liebe UserInnen, wir freuen uns auf eine interessante Stunde.

Ewald Nowotny: Freue mich, dass ich wieder an einem Chat des Standard.at teilnehmen kann und stehe Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung.

Heisswachs: Sg. Herr Nowotny! Eine Bankierskollegin war hier vor einiger Zeit zu Gast und hat nur um den heißen Brei herumgeredet, um die Poster ob der Milliardenrücklagen für den EU-Krisenplan zu beruhigen, die ja ohnehin absehbar in Italien, Spanien, Portugal

Ewald Nowotny: In Bezug auf die OeNB sind zwei Aspekte zu unterscheiden: zum einen die Mitwirkung an geldpolitischen Aktionen im Rahmen der OeNB, hier geht es speziell um befristete Darlehen an die teilnehmenden Geschäftsbanken unter Berücksichtigung entsprechender Sicherheiten. Zum Zweiten bildet die OeNB Währungsreserven, derzeit betragen diese Reserven 14,1 Mrd. Euro, davon 9,1 Mrd. in Gold. Die Aktionen in Bezug auf einige südeuropäische Staaten und Irland betreffen allerdings primär Garantien, die nicht von den Notenbanken sondern von den nationalen Staaten gegeben werden. Hedgefonds etc. sind hier in keiner Weise involviert.

Boris Groendahl: sehr geehrter herr gouverneur, was halten sie davon, die betraege zu beschraenken, die europaeische banken bei der EZB ausleihen koennen, um dem problem der sog. "addicted banks" zu begegnen?

Ewald Nowotny: In "normalen" Zeiten gibt es in der Tat eine solche Beschränkung. Im Rahmen der Finanzkrise hat das EZB-System, und damit auch die OeNB, beschlossen, auch Tranchen in unbegrenzter Höhe anzubieten. Die entsprechenden Fazilitäten von 12 Monaten und 6 Monaten wurden inzwischen beendet, es besteht aber nach wie vor eine 3-Monats-Fazilität, da die Lage der internationalen Finanzmärkte noch nicht stabil genug ist um voll wieder in den Normalzustand vor der Krise zurückzukehren. Das Problem der addicted banks besteht, ist aber primär durch Maßnahmen auf der Ebene der Nationalstaaten zu lösen, wie es etwa durch Abspaltung von "bad banks", für die Staatsgarantien gegeben werden, geschieht.

gregor.samsa: Sollte die EZB zur Bestimmung der Inflationsrisiken laenger als bisher in die Zukunft schauen? Was wuerde das fuer das derzeit sehr niedrige Zinsniv eau in der Eurozone bedeuten?

Ewald Nowotny: Die primäre Aufgabenstellung der EZB besteht in der Sicherung der Preisstabilität, definiert als ein Anstieg des Verbraucherpreisindex unter aber knapp bei 2%. Dieses Ziel ist auf jeden Fall mittelfristig zu sehen, das heißt nicht nur auf die kurze Sicht. Derzeit sind wir im EZB-System aber auch mittelfristig keine Tendenz eines Anstiegs über die EZB-Zielsetzung, ebenso gilt dies auch für die langfristigen Kapitalmärkte.

nixon000: Sehr geehrter Herr Nowotny! Seit einiger Zeit betreiben u.a. die Bank of England, die Fed und die Schweizer Nationalbank Quantitative Easing. Wieso gab es einen großen Aufschrei, als die EZB mit diesem Aufkaufprogramm startete, obwohl es die anderen

Ewald Nowotny: Die Maßnahmen der EZB in Bezug auf den Ankauf von Wertpapieren sind sowohl von der Struktur, wie vom Volumen nicht mit den genannten Notenbanken zu vergleichen. Vielmehr ging es darum Marktungleichgewichte im Bereich der langfristigen Staatsanleihen, wie sie in einigen wenigen Staaten aufgetreten waren, durch gezielte Ankäufe zu korrigieren. Dieses Programm ist daher räumlich und volumsmäßig sehr beschränkt. Bis jetzt beträgt das Ankaufsvolumen etwas unter 70 Mrd., ist also wesentlich geringer als es Programme anderer Notenbanken sind. Darüber hinaus hat sich die EZB verpflichtet sämtliche neu geschaffene Liquidität noch in derselben Woche durch andere Maßnahmen zu sterilisieren. Das Programm wird je nach Bedarf fortgeführt, in "ruhigen" Wochen auf den Kapitalmärkten wurden auch keinerlei Ankäufe durchgeführt.

UserInnenfrage per Mail: Was sagen Sie zur Verschiebung der griechischen Banken-Stresstests?

Ewald Nowotny: Die Stresstests der europäischen Banken wurden vom europäischen Aufsichtskommitee (CEPS) unter Mitwirkung von EZB und Nationalen Notenbanken für sämtliche EU-Staaten durchgeführt. Die griechischen Banken sind ausreichend kapitalisiert, haben aber selbstverständlich mit den Herausforderungen zu kämpfen, die sich aus der Verschlechterung der Bonität Griechenlands insgesamt ergeben haben. Wir sind aber zuversichtlich, dass die in Griechenland getroffenen Maßnahmen zu einer Stabilisierung führen werden.

UserInnenfrage per Mail: Maximilian Steinbachner: Wäre es ökonomisch betrachtet sinnvoll, den Euroraum in zwei Währungseinheiten zu unterteilen, in denen unterschiedliche geldpolitische Maßnahmen durch die EZB gesetzt werden können, um besser auf die unterschiedlichen Ökono

Ewald Nowotny: Nein, dies wäre extrem problematisch für beide Seiten. Für die "schwächeren" Mitgliedsstaaten würde es bedeuten, dass ihre Währung damit abgewertet würde und sie damit mit einer teureren Euroverschuldung belastet wären. Für die "stärkeren" Mitgliedsstaaten würde es bedeuten, dass ihr Kreditrisiko höher wird und eine Aufwertung ihrer Währung sich negativ auswirkt. Darüber hinaus wäre eine Zweiteilung auch administrativ nicht zu bewältigen. Der richtige Weg ist daher, dass schwächere Staaten Strukturmaßnahmen setzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und falls erforderlich auf befristete Zeit dabei auch von Seiten der EU, zum Beispiel durch Strukturfonds, unterstützt werden.

Kontrolliert die Kontrollierer: Die österreichischen Banken haben lt. OeNB Aussendung von letzter Woche Derivativgeschäfte mit einem Volumen von 2,586 Billionen Euro offen. Wieviel ist davon nach einem netting-out als tatsächliches Risiko anzusehen?

Ewald Nowotny: Diese Frage kann ich ad hoc nicht seriös beantworten. Generell ist darauf hinzuweisen, dass auf Ebene der EU derzeit Bestrebungen bestehen, für Derivativgeschäfte bessere Transparenz und Kontrolle zu schaffen, speziell dadurch, dass diese Geschäfte soweit es möglich über "Central Counterparties" geführt werden müssen. Ich hoffe sehr, dass diese Vorschläge auch möglichst weitgehend im EU-Gesetzgebungsverfahren umgesetzt werden.

postiger: S.g. herr nowotny: Unter Grasser wurden Währungsreserven in Milliardenhöhe aufgelöst. Wie wollen Sie bis 2018 jährlich Vorsorgen von 200 Mio. Euro bilden? lg

Ewald Nowotny: Richtig ist, dass die OeNB in einzelnen Jahren der Vergangenheit massive zusätzliche Gewinnausschüttungen durchgeführt hat. In den letzten Jahren ist es uns jedoch gelungen wieder die Reserven der Notenbank deutlich zu steigern, allein für 2009 konnten wir die spezielle Risikorücklage um 500 Mio. aufstocken. Auch für 2010 wird eine Aufstockung angestrebt, da in der Tat mit der Finanzkrise auch die Risken der Notenbank und damit die Notwendigkeit entsprechender Rücklagen gestiegen sind.

UserInnenfrage per Mail: Stichwort Fremdwährungskredite: Angeblich stehen 700.000 ungarische Haushalte deswegen vor der Pleite. Könnte das zu einem Problem für Österreich werden?

Ewald Nowotny: Die Notenbank hat schon seit längerem auf die Risken von Fremdwährungskrediten hingewiesen. Für Ungarn sind diese Risken insofern besonders ausgeprägt, da es hier zu einer Kombination einer Aufwertung des Schweizer Franken und einer Abwertung des Forint gekommen ist. Allerdings hat das, zumindest bis jetzt, nicht zu einem dramatischen Ausfall der Kredite geführt, wohl aber sind betroffene Haushalte dadurch vielfach zu Einsparungen in anderen Bereichen gezwungen. Da die Fremdwährungskredite überwiegend für Wohnzwecke verwendet werden, ist zu beobachten, dass alles daran gesetzt wird, diese Kredite auch ordnungsgemäß zu bedienen. Die von Ihnen angegebene Zahl kann aus meiner Sicht daher nicht nachvollzogen werden. Für Österreich haben OeNB und Finanzmarktaufsicht darauf hingewirkt, dass heuer praktisch keine neuen Fremdwährungsdarlehen vergeben werden, bezüglich des, sehr großen, Bestandes können sich Belastungen ergeben, die aber in der Regel keine dramatischen Größenordnungen annehmen.

Kontrolliert die Kontrollierer: Werden die Basel III Regelungen nicht zwangsläufig zu einer weiteren Kredit-Kontraktion führen? Wo soll denn ganz Europa ein paar hundert Milliarden Eigenkapital für die Banken auftreiben?

Ewald Nowotny: Basel III ist als eine der notwendigen Lehren aus der Finanzkrise zu sehen. Es geht darum, die Krisenfestigkeit der Banken durch höhere Kapitalerstattung zu erhöhen. Darüber hinaus wird auch die Risikogewichtung der Bankaktiva stärker an die tatsächlichen Risken angenähert. Zumindest in einer Übergangsphase kann sich aus dem Basel III Regelungen zum Teil in der Tat eine Verringerung der Kreditdynamik ergeben. Durch die bessere Risikogewichtung sollten davon aber vor allem Kreditkategorien betroffen sein, die sich in der Vergangenheit als problematisch erwiesen haben. Jedenfalls sehen die Basel III Regelungen lange Übergangsfristen bis 10 Jahre vor, was die entsprechende Erhöhung des Eigenkapitals erleichtern wird.

Wurstbrot mit Sauergemüse: Gestattet Sie mir bitte eine persönliche Frage: Sie haben meines Wissens Rechtswissenschaften studiert. Wie wird man dann einer der führenden Ökonomen Österreichs?

Ewald Nowotny: Zur Zeit meines Studiums gab es an den österreichischen Universitäten mit Ausnahme von Innsbruck noch kein eigenes Studium der Nationalökonomie. Ich habe daher, so wie die großen Ökonomen der "Wiener Schule der Nationalökonomie" zunächst ein Jus-Studium absolviert. Ich hatte allerdings dann noch zusätzlich die Gelegenheit an der Abteilung Ökonomie des Instituts für Höhere Studien und später an der Harvard Universität eine exzellente postgraduate Ausbildung in Ökonomie zu erhalten, die ich dann in meiner Tätigkeit als Assistent bei Prof. Kurt Rothschild vertiefen konnte. Danke für die Nachfrage.

das liebe urmili: Von Mises oder Keynes? Hat die österreichische Schule sich nicht als die Richtige erwiesen?

Ewald Nowotny: Die österreichische Schule der Nationalökonomie zeigt ein großes Spektrum, auf das ich hier im Detail nicht eingehen kann. Aus meiner Sicht liegen ihre Hauptstärken im Bereich der Mikroökonomie, während sich im Bereich der Makroökonomie aus meiner Sicht keynesianische Ansätze insgesamt als erklärungsstärker erwiesen haben.

gilbmilb: Sehr geehrter Herr Nowotny, in ihren öffentlichen Äußerungen heben Sie oftmals die Wichtigkeit des BIP-Wachstums hervor. Wo sehen Sie die Grenzen des Wachstums (Stichwort Club of Rome) und verdeutlicht nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise, dass hi

Ewald Nowotny: Es gibt eine Reihe von Ansätzen, zum Beispiel von Prof. Stiglitz, die versuchen, die bestehende volkswirtschaftliche Gesamtrechnung durch umfassende Konzepte zu ergänzen oder auch zu ersetzen. Derzeit sind diese Ansätze noch nicht operativ, so dass Notenbanken, wie auch die Wirtschaftspolitik insgesamt, sich weltweit im Rahmen der konventionellen Berechnungsmethoden bewegen. Gerade unter langfristigen Perspektiven ist es aber sicher auch für eine Notenbank wichtig, zusätzliche Faktoren, wie zum Beispiel langfristige Sicherung im Energiebereich, zu berücksichtigen.

postiger: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Nationalbank und Ex-finanz-minister Grasser. Böse Zungen behaupten, ohne die ÖeNB hätte er nie ein Nulldefizit erreicht?

Ewald Nowotny: Ich will das im Einzelnen nicht kommentieren. Faktum ist dass die Notenbank während einiger Jahre massive Gewinnausschüttungen an die Republik geleistet hat.

Mostbluzza: Sehr geehrter Herr Gouverneur, der Stahlpreis hat sich heuer verdoppelt, die Energiepreise steigen stark, sämtliche Rohstoffe haben sich massiv verteuert, Fleischpreise steigen wegen gestiegener Getreidepreise. Die Inflationserwartungen sind nicht m

Ewald Nowotny: Wie bereits im Gespräch mit einem anderen Teilnehmer erwähnt, definiert die EZB Preisstabilität als einen Anstieg der Verbraucherpreise von nicht mehr als aber knapp unter 2%. In den 12 Jahren ihres Bestehens betrug die durchschnittliche Inflationsrate 1,95%, die EZB hat damit eine höhere Preisstabilität erreicht, als die vorhergegangenen nationalen Währungen. Diese wirtschaftspolitische Orientierung gilt auch für die Zukunft. Auch die Märkte sind derzeit für die Eurozone de facto keine Inflationsgefahr, wie die Verzinsung risikoarmer langfristiger Staatsanleihen zeigt. Jedenfalls wird die EZB aber wie bisher auf allfällige Tendenzen einer steigenden Inflationsrate rasch und wirksam reagieren.

UserInnenfrage per Mail: Thomas Mayer: Die Notenbank darf sich weder von einem Mitgliedstaat, Betrieb, Regierung oder einer anderen Organisation in Ihren Entscheidungen beeinflussen lassen. Widerspricht das nicht den Entwicklungen der letzten Monate? Ist das nicht ein Vertr

Ewald Nowotny: Die Unabhängigkeit der Notenbank ist in der Tat eine wichtige Grundlage für eine langfristig orientierte verantwortungsbewusste Geld- und Währungspolitik. Diese Unabhängigkeit muss auch in Bezug auf die organisatorischen Grundlagen einer Notenbank gegeben sein, wobei es umgekehrt in der Eigenverantwortung von Notenbanken liegt, ihre Funktionen möglichst effizient zu erfüllen.

Hafner: Sehr geehrter Herr Novotny, als Sie noch das wirtschaftswissenschaftliche Aushängeschild der Regierung Kreisky waren, haben sie seine Schuldenpolitik immer wieder massiv verteidigt. Wie stehen Sie heute, angesichts der Abhängigkeit der Staaten vom G

Ewald Nowotny: Ich möchte in meiner jetzigen Funktion nicht zu politischen Fragen Stellung nehmen. Faktum ist freilich, dass sich Österreich in den 70er Jahren im europäischen Zusammenhang einen Wachstums- und Beschäftigungsvorsprung sichern konnte, der speziell im Beschäftigungsbereich durch eine geringere Sockelarbeitslosigkeit bis heute positiv weiterwirkt.

UserInnenfrage per Mail: Herr Nowotny, besitzen Sie Aktien?

Ewald Nowotny: Da ich Kapitalmärkte für ein wichtiges Element einer dynamischen Volkswirtschaft halte, besitze ich selbst auch Aktien, wobei für mich freilich die strengen compliance Regelungen der OeNB gelten.

ModeratorIn: Lieber Herr Dr. Nowotny, Danke, dass Sie für uns Zeit hatten. Liebe UserInnen, danke für die zahlreichen Fragen und Diskussionsbeiträge, die wir leider wieder einmal nicht alle beantworten und berücksichtigen konnten. Allen noch einen schönen Tag.

Ewald Nowotny: Danke für die interessanten Fragen, ich freue mich auf das nächste Gespräch.