Bild nicht mehr verfügbar.

"Bitte, wo ist denn da die Unabhängigkeit"? Diesen Herbst wird der legendäre ORF-General Gerd Bacher 85. Vom ORF lassen kann er nicht: "Das wäre, als wenn man sagt: Mein Kind interessiert mich nicht mehr."

Foto: APA/Schneider

Legendäre Schlagzeilen über Bachers Comeback 1978: "Bacher hat keine Chance" ("AZ"), "Kreisky in Paris - Benya in Sofia - Bacher im ORF" aus der "Kärntner Tageszeitung".

Foto: STANDARD/Fidler

STANDARD: Sie wollen eine Initiative gründen zur Umbenennung des ORF?

Bacher: So habe ich das nicht gesagt, sondern: Man müsste darüber nachdenken, wie man dem ORF den Namen nehmen könnte. Denn mit dem ORF hat das nichts mehr zu tun.

STANDARD: Sie haben mir gesagt, Sie wollten sich nur noch mit Dingen beschäftigen, die Ihnen Freude bereiten. Sie wollen sich also nicht mehr mit dem ORF befassen?

Bacher: Zumindest als Versuch. Das wäre, als wenn man sagte: Mein Kind interessiert mich nicht mehr. Das ist ist ein blöder, hoffärtiger Spruch. Können vor Lachen!

STANDARD: Warum dann der Versuch, den ORF nicht mehr zu beachten?

Bacher:  Der ORF befindet sich in einem Zustand, der mit dem, was man sich einmal unter dem öffentlich-rechtlichen ORF vorgestellt hat, nur mehr sehr wenig zu tun hat. Die Misere wird dadurch am allerdeutlichsten, dass man weder im ORF noch außerhalb einen kompetenten Gesprächspartner dazu hat.

STANDARD: Haben Sie es mit der Politik probiert?

Bacher: In der Regierung können Sie reden, mit wem Sie wollen. Man hört Ihnen freundlich zu. Ein Laie könnte annehmen, stimmt auch zu. In Wirklichkeit ist das eine reine Geste der Höflichkeit. Ihr Gesprächspartner denkt nicht daran, darüber auch nur nachzudenken.

STANDARD: Mit wem haben Sie es probiert?

Bacher: Ich hatte ein sehr langes Gespräch mit Faymann und Ostermayer. Ein noch viel längeres mit Josef Pröll. Beide Gespräche hätte ein Außenstehender als sehr gut bezeichnet. Ich wollte die Herrschaften darauf aufmerksam machen, wie unersetzlich der ORF für Österreich ist, aus kulturellen, aber vor allem auch aus politischen Gründen. Ich wollte ihnen verdeutlichen, wie irreparabel ein Verlust des ORF wäre - wurscht, ob er dahinvegetiert oder ganz zugrunde geht.

STANDARD: Warum ist der ORF so unersetzlich für Kultur und Politik des Landes?

Bacher: Der Hauptgrund: Die Struktur der öffentlichen Meinung ist außerordentlich bedenklich. Die Dominanz der Krone, die Schundigkeit von Österreich, und aber schon auch die ungeheuerliche Provinzialität seriöserer Zeitungen. Mit welcher Gleichgültigkeit, mit ganz wenigen Ausnahmen, die österreichischen Zeitungen diesem Ruinieren des ORF zusehen! Wir sind heute fast in ähnlichen Zuständen wie bei meinem Eintritt in den ORF 1967.

So unverschämt wie heute die Politik im ORF umrührt und ihre personellen Anschläge auch gar nicht mehr tarnt, sondern einfach durchführt! Und das einfach bestätigt: "Wir müssen dort ja auch wen haben!" Ich habe ja diesbezüglich auch allerhand erlebt. Aber das hat Bruno Kreisky schon wesentlich eleganter und mit mehr Respekt vor dem Haus gemacht. Das ist das besonders Bedauerliche.

STANDARD: Aus Ihrem Mund ein besonderes hartes Urteil - Sie haben ja Kreisky vorgeworfen, er habe Ihren nach dem Rundfunkvolksbegehren unabhängigen ORF revidiert?

Bacher:  Der Meinung bin ich nach wie vor. Aber so unverschämt, wie das heute betrieben wird! Die heutigen Machthaber brauchen nicht einmal Kriege führen - es geht eh alles, wie sie es sich ausmachen. Auch dass das Haus nicht aufschreit! Und sagt: Das machen wir nicht, das tun wir nicht. Das war zu früheren Zeiten anders. Der ORF hat von sich aus Widerstand organisiert. Das hat man mir vorgeworfen: Ich würde mich als ORF-Generalintendant benehmen, als wäre ich Chef einer Partei. Das habe ich nie bestritten - weil wir uns wehren wollten. Aber diese Führung! - Wenn ich von Führung rede, rede ich von (ORF-Generaldirektor Alexander) Wrabetz und (Kommunikationschef Pius) Strobl. Das sind die wirklichen Machthaber im ORF. Wobei ich den Strobl für den raffinierteren halte.

STANDARD: Noch einmal: Warum ist der ORF so wichtig?

Bacher: Weil die österreichische öffentliche Meinung nicht so toll strukturiert ist, dass man sich den Verlust der größten Informations- und Kultureinheit leisten kann. Das ist ja nicht wie in Deutschland, Frankreich oder England, wo jede Zeitung einen Auslandsdienst hat, wie ihn hier nur der ORF hat. Auf das Auslandskorps des ORF bin ich noch immer stolz, dort sitzt der Wurm am wenigsten. Die sind weit genug von der Heimat entfernt, um an den Provinzbakterien nicht allzu sehr zu leiden.

STANDARD: Da muss ich widersprechen: Der STANDARD und "Die Presse" haben ebenfalls eine Reihe von Korrespondenten.

Bacher: Aber doch nicht zu vergleichen in der Dichte dieses Netzes und der Größe der Apparats! Sie haben Korrespondenten, die meist für mehrere Zeitungen schreiben. Der ORF hat Büros mit mehreren Mitarbeitern. Da geht einfach Substanz und Maschinerie verloren, die sich sonst niemand leisten kann. Ich will damit ja nicht protzen - andere kriegen keine Gebühren und haben nicht so hohe Einnahmen wie wir. Dieser Informations- und Kulturkörper des ORF ist nur einmal vertreten in dieser Größe, und, wenn er will, in dieser Effizienz. 1967 hat mir der BBC-Generaldirektor gratuliert, was wir da an unabhängigem Journalismus auf die Beine stellen. Wenn so etwas einmal ruiniert ist, ist es nicht wieder herzustellen. Man sieht ja, wie leicht so etwas verschlampt. Das verkommt halt.

STANDARD: Wenn man Ihnen die vergangenen Jahre zuhörte, dann musste man den Eindruck gewinnen, der ORF wäre längst ruiniert?

Bacher: Ja, eh. Ich drücke mich nur so harmlos wie noch nie zuvor aus. Ich halte ihn eh für ruiniert.

STANDARD: Warum ruiniert?

Bacher:  Im ORF und außerhalb kapiert man nicht, was der ORF für Österreich bedeutet. Meine alte Formel - Zentralanstalt für österreichische Identität - gilt noch mehr als je zuvor.

STANDARD: Was war das Ergebnis Ihrer Gepräche mit Faymann, Ostermayer, Pröll?

Bacher: Gar nichts. Dass sie fortgesetzt werden. Sie wurden nie fortgesetzt.

STANDARD: Wann war das?

Bacher:  Vor rund einem Jahr.

STANDARD: Also beim Anlauf zu einem neuen ORF-Gesetz, das nun mit 1. Oktober in Kraft tritt?

Bacher: Mitten im ersten Ansatz - noch dem besten.

STANDARD: Sie meinen, als der letzte Satz im Entwurf noch lautete: Die Funktionsperiode der Geschäftsführung endet mit Inkrafttreten dieses Gesetzes?

Bacher: Wenn man ein Medium reformieren will, sind Personalreformen die wichtigste Maßnahme. Ich glaube bewiesen zu haben, dass ich mit dem denkbar schlechtesten Gesetz - dem Rundfunkgesetz Kreiskys - einen ganz guten ORF zusammengebracht habe, weil ich mich einfach nicht darum geschert habe. Das tun sie heute aber nicht. Es gibt keinen Widerstand dagegen. Widerstand leisten nur erstklassige Leute. Der einzige, der da wirklich einmal aufgedreht hat, war Armin Wolf. Das wären Anliegen für Redaktions- und Betriebsräte, wichtigere als Pensionen und Höhenzulagen. Medien, egal ob Zeitungen, Theater, Fernseh- und Radioanstalten, sind nicht von ihren Gesetzen, sondern von den Leuten abhängig, die sie führen und machen. Wenn ich mir vorstelle, welche Bomben-Leute einmal im ORF gesessen sind. Gibt ja nichts Vergleichbares mehr. Oder jedenfalls zuwenige.

STANDARD: Sie meinen Armin Wolfs Rede zur Unabhängigkeit des ORF?

Bacher: Ja. Ich habe das absichtlich im Zusammenhang mit der Wichtigkeit des führenden Personals erwähnt. Man kann das schönste Gesetz haben, wenn das durchschittliche Leute sind. Mit Durchschnitt gibt es kein erstklassiges Medium.

STANDARD:: War das eine Empfehlung für Armin Wolf als Chefredakteur? Als Informationsdirektor? Als Generaldirektor?

Bacher: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich noch nie mit ihm zusammengearbeitet habe. Ich halte ihn für einen ausgezeichneten Journalisten. Ich würde ihn, von außen gesehen, als die Spitze der ORF-Information betrachten. Aber: Ob er Leute führen kann, Organisationstalent hat, ob er die Eigenliebe, zu der ich durchaus auch tendiere, so im Zaum hält, dass er sich nicht nur mit dem beschäftigt, was ihn interessiert, sondern für das ganze Haus da ist: Das kann ich nicht sagen.

STANDARD: Zurück zu Faymann und Ostermayer. Erkennen Sie etwas von Ihren Anregungen im neuen Gesetz wieder?

Bacher: Nichts. Null. Ich halte dieses Gesetz für eine der größtmöglichen Katastrophen. Das ist das schlechteste Gesetz bisher.

STANDARD: Warum?

Bacher: Nichts vom Notwendigen ist geschehen: Verkleinerung und Aktivierung der Gremien. Festlegung der öffentlich-rechtlichen Pflichten. Verbot des Eingriffs von außen. Man greift ja nicht nur ein, indem man anruft: Ich habe morgen einen Damentee, bitte berichten Sie darüber. Sondern indem man die entsprechenden Leute hinsetzt, von denen man weiß, sie tun nichts, was mir schaden könnte. Jeder Mensch weiß, dass ich ein Konservativer bin. Aber es gibt niemanden, der mehr Linke in den ORF engagiert hat.

STANDARD: Beginnend mit Franz Kreuzer...

Bacher: Meine erste Personaltat im ORF war, den Chefredakteur der "Arbeiterzeitung" als Chefredakteur zu holen. In einer Zeit, als die Sozialdemokraten gegen das Rundfunkvolksbegehren waren, gegen das Rundfunkgesetz, und als sie mich nicht gewählt haben. Ich werde dieses unglaubliche Telefonat mit Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) nie vergessen. Zu meiner Zeit haben wir ja zwar im Haus diskutiert, wer was wird, aber die Politiker haben es mehrheitlich aus der Zeitung erfahren.

Eines Tages stand da, dass ich Franz Kreuzer zum Chefredakteur des Fernsehens gemacht habe. Am Telefon der Bundeskanzler: Herr Bacher, das ist keine Intervention. Ich habe Ihnen gleich nach Ihrer Wahl versprochen, nie zu intervenieren, und sollte ich intervenieren, erinnern Sie mich an mein Versprechen. Aber ich möchte nur wissen, ob Sie kein schlechtes Gewissen haben: Ich muss aus der Zeitung erfahren, dass der Kreuzer neuer Chefredakteur ist, der mich noch vor vier Wochen im Fernsehen eine Niete nannte. Darauf ich: Natürlich war das für mich eine harte Entscheidung, auch ich habe all diese Überlegungen angestellt: gegen Rundfunkvolkgsbegehren, gegen das Rundfunkgesetz, gegen mich. Klaus: Also, warum haben Sie das gemacht? Ich: Weil er mit Abstand der beste ist. Halbe Minute Sendepause, darauf Klaus: Das ist ein Argument, ich danke Ihnen. Sowas ist mir von keinem Politiker in meinem ganzen Leben mehr passiert. Klaus hat schon gewusst, dass da etwas auf ihn zukommt, mit dem er nicht viel anzufangen weiß. Nämlich moderne Medien.

STANDARD:: Ihre "Informationsexplosion" im ORF nützte vor allem Kreisky - dessen SPÖ 1970 stärkste Partei wurde. Am Wahlabend hat sich Kreisky bei Ihnen bedankt.

Bacher: Hat er. Ich habe entgegnet: Nichts zu danken, durchaus ungern geschehen.

STANDARD: Zurück in die Gegenwart: Was macht dieses Rundfunkgesetz aus Ihrer Sicht zum schlechtesten, schlechter als jenes Kreiskys, und zur "Katastrophe"?

Bacher: Vor allem die Medienbehörde. Fünf Juristen haben praktisch die ganze Macht. Sie können die Finanzen und das Programm beeinspruchen. Sie können Untersuchungen anstellen. Bitte, wo ist denn da die Unabhängigkeit?

STANDARD: Sie haben sich selbst mehrfach über ORF-Führungen beklagt - vielleicht wäre diese Kontrolle ja ein ganz gutes Korrektiv?

Bacher: Vom Geschäft müssen sie etwas verstehen. Im Rechnungshof gibt es hervorragende ORF-Spezialisten. Der hat jederzeit das Recht, uns zu kontrollieren. Aber zwischen Kontrolle und Einspruch ist ein Unterschied.

STANDARD: Auch nicht alle Kritikpunkte des Rechnungshofs am ORF waren ganz schlüssig.

Bacher: Vor Irrtümern schützt kein Gesetz, auch nicht den Rechnungshof. Ich habe selbst oft wilde Schlachten mit dem Rechnungshof ausgetragen.

STANDARD: Sie meinen also, die Medienbehörde wäre für den ORF eine Art ...

Bacher:  ...Superregierung, ein Superstiftungsrat. Was man vom Stiftungsrat erwartet hätte und erwarten könnte, das übernimmt eine vom Bundeskanzler zu ernennende Behörde.

STANDARD: Von der Bundesregierung, nicht vom Kanzler allein.

Bacher: Ressortmäßig ist der Rundfunk Sache des Bundeskanzlers beziehungsweise seines Staatssekretärs. Der hat das natürlich in der Hand, entsprechende Leute dorthin zu setzen.

STANDARD: Sie rechnen damit, dass das nicht zum Wohle des ORF geschieht?

Bacher: Allein, dass es die Möglichkeit gibt, mit diesem Institut zu drohen, beeinträchtigt die Unabhängigkeit ORF-internen Denkens.

STANDARD: Ihnen fehlt ein präziserer Programmauftrag. Sie waren 2000/2001 einer der Berater, die an diesem Programmauftrag mitformuliert haben.

Bacher: Das hat nicht gereicht, hat sich herausgestellt. Das haben wir unterschätzt. Man hat aber auch damals nicht den Eindruck gehabt, dass der Punkt den Parteien sehr wesentlich ist. Am allerwenigsten der damaligen Regierungspartei FPÖ.

STANDARD: Was macht guten öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus?

Bacher: Das lässt sich nicht in fünf Sätzen frei sagen. Wenn ein öffentlich-rechtlicher Machthaber, ein Generalintendanten oder Generaldirektor nicht weiß, was öffentlich-rechtlich ist, dann ist er für diesen Posten ungeeignet.

STANDARD: Das muss man quasi in der DNA haben?

Bacher: Man fragt ja auch keinen Chefredakteur: Was ist die Unabhängigkeit einer Zeitung?

STANDARD: Aber vielleicht sollte man das einmal definieren - und da wollten wir auf Ihre Erfahrung als längstdienender ORF-General zurückgreifen.

Bacher: Ich bin überzeugt, dass das gelingt, wenn man sich mit drei gescheiten Leuten zwei Stunden zusammensetzt. Leicht ist das nicht. Denn: Die allgemeinen Phrasen stehen ja alle im Gesetz. Keine Befehlsannahme, Unabhängigkeit nicht nur als Recht, sondern als Pflicht, Qualität vor Quote und so weiter. Es hat sich herausgestellt, dass das nicht reicht. Da sind wir wieder an dem Punkt: Medien führt man nicht durch Gesetze, sondern durch Personen. Es braucht einen Geist in dem Haus, dass erstens vieles Unsittliche bereits undenkbar ist, und wenn es nicht undenkbar gewesen sein sollte, hat man einzugreifen.

Es kann nicht der Freiheitsbegriff in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sein, dass jeder tun kann, was er will, und das nennt er journalistische Unabhängigkeit. Das ist zuwenig.

STANDARD: Haben Sie sich vor eineinhalb Jahren eigentlich getäuscht, als sie sagten: Der ORF ist in seiner größte Existenzkrise seiner Geschichte, und Wrabetz wird diese Krise nicht überleben?

Bacher: Die Krise ist ja noch nicht beendet.

STANDARD: Wirtschaftlich ist der ORF wieder in den schwarzen Zahlen.

Bacher: Abwarten, was sich in den nächsten Jahren tut. Da bin ich nicht überzeugt. Wer das Haus programmlich wie wirtschaftlich so auf den Boden bringt, überzeugt mich auch nicht, wenn ihm teilweise Rettungsversuche gelingen.

STANDARD: 2011 wählt der Stiftungsrat wieder einen Generaldirektor. Wie ist Ihre Perspektive auf 2011? Erwarten Sie Erneuerung?

Bacher: Da müsste ein Wunder geschehen. 2011 werden mit größter Wahrscheinlichkeit dieselben Leute die Regierung führen. Die ÖVP ist in Sachen Rundfunk kein ebenbürtiger Partner. Da ist die Faymann-Partie unter dem sehr intelligenten Ostermayer die viel stärkere. Es geschieht ja eigentlich alles, was der Kanzler will, und nicht, was der Vizekanzler will. Vermutlich fehlt es in der ÖVP am Interesse und an einem erstklassigen Fachmann, der sich der Sache annimmt.

STANDARD: Über Jahre hörte man von ORF-Mitarbeitern die Hoffnung, Gerhard Zeiler würde seinen Vertrag als RTL-Boss nicht verlängern und zum ORF zurückkehren. Was haben Sie sich gedacht, als Sie von Zeilers Verlängerung bei RTL bis 2015 erfahren haben?

Bacher: Die Hoffnung müssen wir in erster Linie fahren lassen, weil bis zur Stunde nicht der geringste Wille in der Regierung besteht, diese ziemlich einmalige Chance, die Zeiler böte, zu nutzen. Für mich ist Zeiler einer der ganz wenigen, der einzige, den ich kenne, dem ich zutraue, den ORF programmlich wie wirtschaftlich wieder auf den entsprechenden Level zu bringen.

STANDARD: In seiner ersten Amtszeit 1994 bis 1998 haben Sie heftig gegen Zeilers Kommerzkurs protestiert?

Bacher: Die Angst, dass Zeiler ein zweites Mal zuwenig öffentlich-rechtlich wäre, habe ich ich nicht. Er sieht ja mittlerweile, dass es in Österreich keinen erstklassigen öffentlich-rechtlichen Kommerzsender braucht, sondern einen hervorragenden öffentlich-rechtlichen Sender.

STANDARD: Sie sehen Zeiler da quasi geläutert?

Bacher: Ja.

STANDARD: Haben Sie Hoffnung, dass Zeiler zum ORF zurückkehrt?

Bacher: Die Hoffnung ist gering, weil seine Partei, die SPÖ, beziehungsweise ihr Chef und sein Staatssekretär die Chance der Stunde nicht erkennen.

STANDARD: Ein wesentlicher Mitarbeiter des ORF hat den Zustand des Unternehmens unlängst so beschrieben: Er hat das Gefühl, der ORF implodiert gerade.

Bacher: Das habe ich auch. Das Entsetzliche ist, dass die wenigen Profiteure dieses Zustands auch darüber verzweifelt sind.

STANDARD: Wer sind die Profiteure?

Bacher: Da möchte ich keine Namen nennen. Menschen, die unter Wrabetz und Strobl durchaus Karriere gemacht haben.

STANDARD: Sehen sie im ORF Personen, die das Haus auf einen Zukunftskurs bringen können? Infodirektor Elmar Oberhauser schätzen Sie sehr.

Bacher: Ich würde es Elmar Oberhauser zutrauen und Brigitte Wolf (ORF-Landesdirektorin für Wien).

STANDARD: Dass die beiden zum Zug kommen, scheint eher gering.

Bacher: Würde ich bei null ansetzen.

STANDARD: Was war denn die größte Enttäuschung Ihres Lebens?

Bacher: Zu den größten Enttäuschungen gehörte das Verhalten Kreiskys gegenüber dem ORF.

STANDARD: Was war denn das größte Glück in Ihrem Leben?

Bacher: Meine Mutter. Das ist für mich der Lebensmensch schlechthin.

STANDARD: Was hat sie Ihnen mitgegeben.

Bacher: Als wichtigstes hat sie mir dieses Talent zur Freude mitgegeben. Ich kann mich, wie sie, über Dinge freuen, die andere Leute als Selbstverständlichkeit betrachten und zur Tagesordnung übergehen. Mich haben zum Beispiel immer wieder Leute gefragt, ob ich denn so pflichtbewusst sei, dass ich jeden Tag 14 bis 16 Stunden auf dem Küniglberg bin. Völliger Irrtum: Nirgendwo gefällts mir besser. Das tu ich lieber als alles andere: Mich über Ergebnisse zu freuen. Dieses Talent zur Freude ist etwas ganz Wichtiges. Ich bin ein skeptischer Freudianer (lacht).

STANDARD: A propos Freude: Wo ist das Gute am heutigen ORF?

Bacher: Dass es ihn noch immer gibt.

STANDARD: Was wünschen Sie dem ORF?

Bacher: Den Gerhard Zeiler. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.9.2010, Langfassung)