Trotziges Liebchen und verhetzter Fastenkünstler: Marie (Barbara Novotny) und Franz Woyzeck (Klaus Köhler).

Foto: Norbert Artner

Linz - Woyzeck kommt nicht zur Ruhe. Die zehn Minuten Zeit, die sein Hauptmann durch die zu schnelle Rasur überschüssig zu überbrücken fürchtet, hat er nicht. Er kann nicht langsam. Die Armut hetzt den blassen Füsilier durchs Leben, treibt ihn unerbittlich vor sich her und ins Unglück.

In Robert Wilsons Woyzeck-Bearbeitung muss er zwischen den vielen Stationen, die er keuchend, pflichtschuldig abzuklappern hat, sich auch noch ein Restchen Puste für die melancholischen Balladen aufsparen, die Tom Waits dem Fragment Georg Büchners hinzugefügt hat.

In den Linzer Kammerspielen, wo am Freitag das Wilson/Waits-Konzept von Woyzeck (mit den Songtexten von Tom Waits' Frau Kathleen Brennan) seine österreichische Erstaufführung erlebte, rennt und hetzt sich Franz Woyzeck (Klaus Köhler) auf der unerbittlichen Drehbühne wie in einem Hamsterrad um den Verstand. Stefan Brandtmayr hat ein massives Eisengerüst in deren Mitte aufgebaut, das mit seinen vielen Sprossen und den rückseitig angebrachten hohen Schaukeln an eine Kletterburg auf einem Kinderspielplatz erinnert und an dem sich Woyzeck wie im Sport-Leistungskurs abarbeitet.

Die ungeheure Last auf Woyzecks Schultern wird in dieser Inszenierung von Ingo Putz durch die Infantilität der ihn umgebenden Figuren verstärkt: Sein Kumpel Andres (Aurel von Arx) hängt sich Schutz suchend an den verhetzten Bettnachbarn, der dicke Hauptmann (herrlich zynisch: Thomas Bammer) lässt sich von ihm widerwillig mit Erbsenbrei (!) füttern, der durchgeknallte Doktor (stark: Lutz Zeidler) will mit irren Karikaturen unterhalten werden.

Woyzecks Groschen

Und daheim wartet das trotzige Liebchen Marie (Barbara Novotny) auf die Groschen ihres bald verhassten Woyzeck. Dessen Kontrahenten, den Tambourmajor, legt Georg Bonn als eitlen Rocky an, als Gigolo im Saturday Night Fever, der nicht so recht ran will, an die notgeile Soldatenbraut.

Zwischen den schnurrenden Songs von Tom Waits, die das gesamte Ensemble mit Bravour singt, geht Ingo Putz manche gute Idee ein wenig verloren. Die fantastische Band (musikalische Leitung: Nebojsa Krulanovic), die einerseits völlig verdienterweise mitten im Bühnenbild sitzt, geht andererseits auf Kosten gut angelegter optischer Effekte.

Und ausgerechnet die beiden Hauptdarsteller Klaus Köhler und Barbara Novotny können mit ihren Rollen nicht ganz an das sonst hervorragende Ensemble aufschließen: Das furiose Spiel der abgedrehten Arbeitgeber Woyzecks durch Bammer und Zeidler, das zwischen Irrwitz und Slapstick changiert, liefert eine unbarmherzige Interpretation des Wahnsinns, der Woyzeck zugrunde richtet. Insgesamt eine, wenn auch nicht restlos geglückte, so doch anregende Inszenierung. (Isabella Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2010)