Blicke, die ein Gegenüber suchen: William Shimell und Juliette Binoche als "falsches" Paar in Abbas Kiarostamis "Copie conforme".

Foto: Stadtkino

Wien – Abbas Kiarostami fährt gerne Auto. In der geschützten Privatheit eines Wagens kommen die Figuren in seinen Filmen miteinander ins Gespräch. Zugleich bleibt dieses Dispositiv aber offen genug, um die Welt, durch die es sich hindurch bewegt, durchsickern zu lassen. In Der Geschmack der Kirsche wird ein Selbstmörder auf der Fahrt noch einmal mit der Irreversibilität seines Vorhabens konfrontiert, während in Ten die Hierarchien der iranischen Geschlechterpolitik im Stop-and-go-Verkehr auf Teherans Straßen in Bewegung geraten.

Auch in seinem jüngsten Film, Copie conforme, dem ersten, den Kiarostami in Europa realisiert hat, liefert eine Autofahrt durch die Hügellandschaft der Toskana erste Aufschlüsse über die Verfassung der beiden Protagonisten. Der Kunsttheoretiker James Miller (verkörpert vom britischen Opernsänger William Shimell) und die Galeristin Elle (Juliette Binoche) haben einander erst kurz davor kennengelernt, schon sind sie in eine lebhafte Unterhaltung verstrickt, in der es oberflächlich um ästhetische Fragen geht, unterschwellig aber um existenziellere Anliegen. Vor allem die Frau am Steuer reagiert zunehmend gereizt auf die artikulierte Zugeschnürtheit des Briten – was man sagt und was man meint, wie sich Worte verselbstständigen können, das zeigen schon diese frühen Szenen des Films an.

Kunst und Leben, beziehungsweise die Durchdringung der beiden Sphären, bilden das Leitmotiv von Copie conforme – das beginnt bereits bei Millers Buch, für dessen Präsentation er nach Italien gereist ist und in dem er über die Gleichwertigkeit von Kopie und Original räsoniert. Kiarostami überträgt solche Fragen in einen lebenspraktischeren Bereich, wenn er mit den beiden Protagonisten ein Experiment anstellt: Eine Barfrau hält sie für Mann und Frau, Elle steigt kurzerhand auf diese Konstellation ein, und seltsamerweise benimmt sich auch James auf der Weiterfahrt so, als hätte er mit seiner Sitznachbarin bereits einen viel weiteren Weg im Leben zurückgelegt.

Gespielte Erregung

Ein Spiel im Spiel oder vielleicht auch nur eine leicht entrückte Realität, wer weiß? Der Film bleibt von dieser Entwicklung in mehrfacher Hinsicht nicht unberührt: Denn wann immer das Paar, das in den Spaziergangmodus überwechselt, sich nun in Beziehungsmuster verfängt und diese entsprechend ausagiert, ist ja zugleich nicht ausgemacht, ob es sich nur um die Darstellung solcher Momente handelt. Über jeder Erregung liegt also der Verdacht, dass sie nur gespielt ist – und wenn sie zu forciert oder zu unterdrückt wirkt, dann dient dies umgekehrt als Entlastung des Vorwurfs künstlerischer Mängel.

Hinzu kommt, dass Kiarostami hier einen sehr idyllischen Blick auf die stets gefährlich pittoreske Toskana wirft. Da fragt man sich, ob dies auch der Suche nach einer gewissen Laborsituation geschuldet ist – als gelte es, eine Art Before Sunrise für die gut situierte Mittelklasse zu fertigen -, oder ob dem iranischen Regisseur, fern seiner Heimat, das ihm sonst so eigene Gespür für Zwischentöne abhanden gekommen ist. Und dann wieder ist Copie conforme ein Film über Fälschung und Original, der sich mit der Zeit von seinen theoretischen Prämissen abzukoppeln vermag und zu impressionistischer Leichtigkeit zurückkehrt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD – Printausgabe, 28. September 2010)