Effektvolle Spiele mit Lichteffekten und filmischen Elementen: Hans Werner Henzes neueste Oper "Gisela" in der einstigen Maschinenhalle Zeche Zweckel.

Foto: Ruhr 2010

Eine eher seltsame Story hat Henze mit Musik versehen, in der seine handwerkliche Meisterschaft aufblitzt.

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Er war natürlich da in Gladbeck. Angereist aus seiner italienischen Wahlheimat. Und er nahm, alt und gebrechlich wie er ist, hocherfreut den brav respektvollen Beifall des Uraufführungspublikums huldvoll entgegen. Gisela! oder: Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks hat Hans Werner Henze (84) das Musiktheaterstück genannt, das Regisseur Pierre Audi in die Maschinenhalle Zeche Zweckel eingepasst hat. Das ist eines der vom ersten Intendanten der Ruhrtriennale, Gerard Mortier, einst zur Bühne für das Außergewöhnliche umgemodelten Überbleibsel einer untergegangenen Industriekultur.

Heuer hat die Uraufführung gleich mehrere Paten. Koauftraggeber ist hier nämlich die Dresdner Semperoper. Und vor Ort rechnet nicht nur Willy Decker sie seiner Ruhrtriennale zu - freilich ohne, dass sie etwas mit deren Islamschwerpunkt zu tun hätte. Und: Auch für das Kulturhauptstadt-Projekt Ruhr 2010 sollte die Oper das Glanzlicht eines weit übers Jahr und die ganze Region gespannten, als Hommage angelegten Henze-Projektes sein. Eines für junge Leute obendrein. Als Anregung und Hinführung.

Aber wer heißt heute eigentlich schon noch Gisela? Eine junge Frau wohl kaum. Und eine pointiert verblüffende, mit routinierter Geschlossenheit bestechende oder wenigstens irritierend schräge, also kleine und feine Oper auch nicht. Denn die ist es nicht geworden.

Die Geschichte von der Kunstgeschichtestudentin, die mit ihrem Freund, dem Vulkanologiestudenten Hanspeter Schluckebier, von Oberhausen nach Neapel reist, ihm aber dessen Pläne für einen Heiratsantrag durchkreuzt, da sie den Avancen des Italien-Lovers Gennaro Espositio und seinem Commedia-dell'Arte-Charme erliegt und ihn mit nach Oberhausen schleppt, ist den Textern Michael Kerstan und Christian Lehnert doch allzu sehr aus der Zeit und in ein Klischee gerutscht, das vielleicht in den Jahren, als Henze nach Italien ging, noch griff.

Reden über Dissertationen

Den smarten Neapolitaner, der sich heute von Oberhausen so beeindrucken ließe, wie der gute Gennaro (der obendrein auch von seiner Doktorarbeit redet), möchte man sehen! Oder doch lieber nicht. Und auch, dass eine Gisela, die bei Trost ist, einem Italiener verrät, dass es Regenschirme gegen das schlechte Wetter in Oberhausen gibt, kann man sich nur ganz schwer vorstellen.

Dieser Text und diese Story wären wohl nicht abendfüllend, wenn nicht Henze mit zumindest kleiner und mitunter glänzender musikalischer Münze draufgezahlt hätte. Auch wenn man dem mit Pause gerade mal hundertminütigen Abend anmerkt, dass die Kraft wohl doch nicht mehr in der gewohnten (und zuletzt bei seiner Oper Phaedra so verblüffend frisch dokumentierten) Weise zur Geschlossenheit und Vollendung reichte. Natürlich blitzt da die alte Meisterschaft auch hier immer mal wieder auf, ob nun beim plötzlich losdonnernden Gefühlspunkt, dem routinierten Parlando oder beim harmonietrunkenen Spiel mit Bach.

Dass dieses Musiktheaterstück nicht allzu komplex ist, kommt freilich der musikpädagogischen Intention Henzes entgegen, der junge Künstler damit animieren wollte. Und die sind in Gladbeck auch mit Eifer bei der Sache. Ob nun Steven Sloane und das junge Orchester Studio musikFabrik, ob der Jugendkammerchor der Chorakademie Dortmund oder die Tanz- und Schauspielstudenten der Folkwang Hochschule und natürlich die drei Protagonisten Hanna Herfurtner (Gisela), Fausto Reinhart (Gennaro) und Michael Dahmen (Hanspeter).

Etwas Glamour

Den Bahnsteig für die Züge von und nach Napoli hat Christof Hetzer ebenso atmosphärisch genau in die Industriehalle platziert wie die drei im Raum verteilten Spielflächen unter den Kuben. Um mit viel raumgreifender Verpackung und etwas Glamour was fürs Auge zu bieten, dafür ist Regisseur Pierre Audi genau der Richtige. Doch wenn dann zum Finale der Vesuv ausbricht und es auf dem Bahnsteig in Oberhausen tatsächlich Asche regnet, ja dann helfen da auch keine Regenschirme mehr. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 28. September 2010)