Der renommierte Autor und Wissenschafter Dominique Moisi hat eine nüchterne Vision Europas. Am Montag hielt er beim Kreisky-Forum einen Vortrag zu den transatlantischen Beziehungen.

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Wenn wir uns nicht selbst ernst nehmen, wird Europa langfristig zu einem "kultivierten Florida" für asiatische Touristen werden, sagt der Politologe Dominique Moisi im Gespräch mit Christoph Prantner.

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STANDARD: Sie haben ein Buch über den ,Kampf der Emotionen‘ in der Politik geschrieben. Davon hatten wir in Europa in letzter Zeit viele, vielleicht zu viele?

Moisi: Das gemeinsame Europa war in der Zeit seiner Gründung ein Projekt der Emotionen. Die Gründerväter fühlten sich europäisch, weil sie sich gegen die Dämonen der Vergangenheit schützen wollten. Die heutigen Politiker wurden nach dem Krieg geboren, sie sind Agnostiker im Bezug auf Europa. Sie haben keine Gefühle dafür und sehen Europa als selbstverständlich an. Für sie ist es ein Raum der Freiheit und kein Projekt, das es auch heute noch voranzutreiben gilt. Und wenn es doch Emotionen gibt, dann sind es nationalistische - vor allem wenn sie im Zusammenhang mit der Globalisierung stehen. Wenn die Dinge wirklich schlecht laufen, schauen die Menschen nicht auf Europa, sondern auf ihre nationalen Regierungen. Genau deswegen sind diese versucht, mit den Ängsten ihrer Bürger zu spielen.

STANDARD: Wo hat diese Entwicklung begonnen?

Moisi: In der Vergangenheit hatten wir einen definierten Feind, wir bekämpften Kommunismus und Sowjetimperium. Heute sind wir unsere eigenen Feinde. Es geht um unsere Bequemlichkeit, unsere Ängste und unsere Unfähigkeit, Opfer für künftige Generationen zu bringen. China ist komplett unideologisch, es will sein System nicht exportieren. Es gibt die Gefahr des Fundamentalismus, ja, aber auch die zwingt uns - im Gegensatz zum Kommunismus - nicht mehr, unsere Gesellschaft zu entwickeln. In dieser Situation wollen agnostische Politiker vor allem ihren Manövrierraum erhalten. Sie dulden keine Rivalen. Deswegen wurden für die Spitzenjobs in Brüssel Menschen eher nach ihren Begrenzungen als nach ihren Fähigkeiten ausgewählt. Wenn Barack Obama oder Hu Jintao nach Europa kommen, wollen sie nicht Catherine Ashton oder Herman Van Rompuy treffen. Sie wollen Angela Merkel, Nicolas Sarkozy oder David Cameron sehen. Das war die Absicht dieser Mächtigen. Und Europa zahlt einen hohen Preis dafür.

STANDARD: Es gibt den Vertrag von Lissabon, und de facto scheint die EU schwächer denn je zu sein.

Moisi: Die Prognose für Europa ist kein Katastrophenszenario. Wir wursteln uns weiter durch. Das wird auf kurze Sicht funktionieren. Langfristig aber müssen wir uns einige unangenehme Frage stellen. Ist Europa der Kontinent der untergehenden Sonne? Wenn man in Wien oder in anderen Städten ankommt gibt es ein Bild, das immer dichter wird: Europa ist ein Museum. Die asiatische Mittelklasse fällt friedlich ein, sie macht Europa zu einer Touristendestination, zu einer Art kultiviertem Florida. Europa wird sich nicht selbst zerstören, Populisten werden hier nicht übernehmen. Ich fürchte viel mehr die Irrelevanz Europas in der Welt. Wir werden von einem Subjekt der Geschichte zu ihrem Objekt.

STANDARD: Der wirtschaftliche Abstieg ist evident, aber was ist mit dem europäischen Intellekt?

Moisi: Wir haben Kreativität, keine Frage. Aber dynamische Zivilisationen bringen eine Energie hervor, die uns fehlt. Das Wien des Fin de Siècle hatte enorme Kreativität, heute sehe ich die nicht mehr. Ich glaube nicht, dass Europa dem Untergang geweiht ist. Aber wir müssen realisieren, dass wir 2050 nur noch 6 Prozent der Menschheit sein werden. Dass unsere Wirtschaftskraft 2050 nur noch 30 Prozent der des Welt-BIP ausmachen wird, vor 60 Jahren war es noch 68 Prozent. Wir kehren dorthin zurück, wo wir zu Beginn des 19. Jh. waren. Wir müssten also unsere Vorteile definieren, Europa und die USA müssten eine Nische der Exzellenz werden. Aber dafür brauchten wir politischen Willen.

STANDARD: Die USA fokussieren nicht mehr auf Europa, sondern auf Asien. Warum?

Moisi: Weil sie sich nicht mehr dafür interessieren. Meine Studenten in Harvard fragen mich höchstens nach guten Hotels in Paris. Die Amerikaner haben uns nach 9/11 nicht ernstgenommen, weil wir sie schon auf dem Balkan enttäuscht haben. Sie wussten, dass sie nichts von uns zu erwarten hatten. Heute enttäuschen wir sie wieder in Afghanistan. Vielleicht ist es eine schlechte Idee, Soldaten nach Afghanistan zu schicken, aber darum geht es nicht. Es geht um ein einen Mangel an politischer Glaubwürdigkeit, die auf einem Mangel an politischem Willen beruht. Warum sollte jemand uns ernstnehmen, wenn wir uns nicht selber ernstnehmen? (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2010)