Köln - Immer öfter tauchen Meldungen über Krankheitserreger auf, die gegen Antibiotika immun sind. Zugleich fordern Patienten diese Arzneien von ihren Ärzten, die sie oft auch bereitwillig verschreiben. Nur ein Umdenken auf beiden Seiten stellt sicher, dass die Wunderwaffen nicht endgültig stumpf werden. Die Entdeckung der Antibiotika gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der Medizingeschichte. Denn sie nahmen vielen bis dahin gefährlichen, durch Bakterien ausgelösten Infektionskrankheiten den Schrecken. Doch inzwischen verliert die Wunderwaffe ihre Wirkung, da sie zu oft und häufig falsch eingesetzt wird. Oftmals bekommen Patienten bei einer Erkältung ein Antibiotikum verschrieben, obwohl diese Erkrankungen zu mehr als 80 Prozent durch Viren hervorgerufen werden.

Sinnvoll wird der Einsatz der hochwirksamen Medikamente erst, wenn zu der Erkältung noch eine bakterielle Infektion hinzu kommt. Zu erkennen ist dies meist daran, dass sich das sonst klare Nasen- und Hustensekret verfärbt. Die Ursache für die zu häufige Verordnung von Antibiotika liegt zum einen in der Erwartungshaltung der Patienten an ihren Arzt. Andererseits greifen Mediziner oft auch zu schnell zu den Arzneien, wie kürzlich beispielsweise eine Stichprobe des ARD-Magazins 'Plusminus' zeigte: Sechs von zehn besuchten Ärzten verschrieben den gesunden Testerinnen die hochwirksamen Arzneimittel. 

Reserveantibiotika nur im Notfall

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat bei einer Untersuchung der Verschreibungen zudem herausgefunden, dass bei 46,5 Prozent der Verordnungen zu sogenannten 'Reserveantibiotika' gegriffen wurde. 'Therapiert werden sollte mit Reserveantibiotika jedoch nur dann, wenn Standardantibiotika nicht mehr helfen', erklärt Helmut Schröder vom WIdO. Die goldene Regel sei: So wenig wie nötig und so gezielt wie möglich. Denn beim intensiven Einsatz von Antibiotika entwickeln Bakterien Resistenzen gegen die Wirkstoffe, die Arzneimittel werden nutzlos. Patienten sollten daher bei einfachen Erkrankungen nicht auf die Verordnung von Antibiotika bestehen oder sie im Internet oder im Ausland eigenmächtig ohne Verschreibung kaufen. Werden diese Medikamente jedoch vom Arzt verschrieben, müssen sie immer genau nach Anweisung eingenommen werden. Das bedeutet, sie über die verordnete Zeit hinweg in der vorgegebenen Menge einzusetzen, auch wenn die Krankheitssymptome bereits verschwunden sind. Denn ein Nachlassen der Beschwerden bedeutet nicht, dass alle Erreger abgetötet sind. 

Zerstörte Darmflora

Wird die Dosis des Antibiotikums verringert, können die verbliebenen Keime sich leichter an den Wirkmechanismus anpassen, sie werden immun (resistent) und geben diese Eigenschaft an ihre Nachkommen weiter. Das Arzneimittel verliert seine Funktion. So hilfreich Antibiotika im Kampf gegen Infektionen sind, ohne Nebenwirkungen bleibt ihr Einsatz selten. So leiden viele Patienten während der Einnahme unter Durchfall. Denn die Medikamente töten nicht nur Infektionserreger ab, sie beeinflussen zudem die natürliche Besiedlung des Darms und schädigen seine Schleimhaut. Eine US-amerikanische Studie hat gezeigt, dass der Einfluss auf die Schleimhaut sogar zwei Monate nach Absetzen der Arzneimittel noch besteht. Die Studienteilnehmer hatten im Abstand von sechs Monaten wiederholt ein Antibiotikum erhalten. Daher kann es nach der Einnahme dieser Medikamenten sinnvoll sein, die erwünschte natürliche Darmflora mit Probiotika oder entsprechenden vom Arzt verordneten Produkten wieder aufzubauen. Sowohl die Nebenwirkungen als auch die Gefahr von Resistenzen sollten Ärzte und Patienten davon abhalten, die hochwirksamen Mittel zur Vorbeugung einzusetzen. Ausnahmen gelten bei bestimmten Erkrankungen wie Herzklappenfehlern, bei denen Antibiotika vor Operationen oder bei Eingriffen des Zahnarztes auf ärztliche Anweisung hin eingenommen werden müssen. (sid)