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Heiner Geißler findet Sympathisanten in allen Lagern.

Foto: AP Photo/Keystone/Alessandro Della Bella

Es gibt alte Politiker in Deutschland, die sind nur noch Bürgern ein Begriff, die ihre Jugend auch schon weit hinter sich haben. Heiner Geißler gehört nicht dazu, obwohl er bereits 80 Jahre alt ist. Immer noch sitzt der CDU-Politiker regelmäßig in Talkshows. Man schätzt seine rhetorische Brillanz.

Die Aufgabe, die nun vor Geißler liegt, wird jedoch eine sein, bei der keine TV-Kameras zugelassen sind. Geißler soll zwischen den Stuttgarter Streithähnen, die sich im Kampf für beziehungsweise gegen den neuen Bahnhof in der baden-württembergischen Landeshauptstadt unversöhnlich gegenüberstehen, vermitteln.

Dass die Wahl auf ihn gefallen ist, verwundert wenig. Geißler stammt aus dem deutschen Ländle, er wird 1930 in Oberndorf am Neckar geboren. Mit 19 Jahren tritt er dem Jesuitenorden bei, doch vier Jahre später ist es mit dem Klosterleben schon wieder vorbei, weil Geißler mit dem Ordensgelübde (Armut, Keuschheit, Gehorsam) Schwierigkeiten hat. "Ich kann zwei - also mindestens eines - dieser Gelübde nicht halten. Die Armut ist es nicht", sagt er als Begründung.

Er studiert Philosophie und Jus und engagiert sich in der CDU, wo er rasch Karriere macht. Von 1982 bis 1985 ist er im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl Familien- und Gesundheitsminister

An Geißler erinnert man sich jedoch hauptsächlich wegen seiner Zeit als CDU-Generalsekretär (1977 bis 1989). Da verband ihn eine Art Hassliebe mit Kohl. Zwar ist Geißler einerseits treuer Diener und führt für diesen schwarze Konten, andererseits hadert er aber immer mehr mit Kohls konservativem Kurs. Geißler will die CDU modernisieren, gehört 1989 zu jenem Rebellenkreis, der Kohl stürzen will und dabei scheitert. Kohl bricht mit ihm, Geißler bleibt bis 2002 im Bundestag und scheidet dann aus der aktiven Politik aus.

Doch auch sein Pensionistenleben verläuft nicht gerade ruhig. Im Mai 2007 tritt er Attac bei, ohne die CDU zu verlassen. Vehement weist Geißler immer wieder darauf hin, dass man Globalisierung sozial abfedern müsse, um die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch zu vergrößern.

Dies macht ihn auch in den Augen vieler Linker glaubwürdig, was Geißler jetzt bei der Stuttgarter Schlichtung ebenso zugutekommen dürfte wie sein Engagement für Demonstrationsfreiheit. Erfahrung mit Schlichtungen hat er auch. Ob Telekom, Baugewerbe oder Lokomotivführer - nach Geißler wurde schon bei vielen Konflikten gerufen, er kam immer. (Birgit Baumann, DER STANDARD; Printausgabe, 7.10.2010)