Konkrete Warnungen vor Terroranschlägen sind naturgemäß eine heikle, unsichere Sache. Es verhält sich dabei so wie bei allen negativen Prognosen: Selbst im besten Fall erweisen sie sich als schlechte Nachricht, die zu Verunsicherung, Angst und Ärger führt. Im schlimmsten Fall geht es aus Sicht der Betroffenen um eine Katastrophe.

Im Umgang damit unterscheidet sich die Ausgangslage für den Terrorexperten, der zur öffentlichen Warnung der Bürger rät, nicht von der des Arztes, der seinem Patienten erklären muss, dass er eine lebensbedrohliche Krankheit hat. Die Gretchenfrage ist stets: Wie sicher ist die Diagnose? Wann sage ich es ihr oder ihm, und wie bringe ich es meinem Gegenüber bei?

Ein objektiv richtiges Vorgehen kann es dabei kaum geben. Der Umgang damit hängt ganz vom Umfeld, vom Land ab, in dem die Krisenbewältigung stattfindet. Es stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, wenn man vermeiden will, dass ein Alarmschlagen mehr schadet als nützt: Zu früh zu informieren ist genauso schlecht wie zu spät.

Das ist wohl auch der Grund, warum die jüngste pauschale Reisewarnung aus den USA vor einem Terroranschlag der Al-Kaida "in Europa" sich beinahe als Farce darstellt. Bei allem Ernst der Hintergründe eines solchen Vorfalls: Wenn die französische Regierung ihre Bürger vor Reisen nach Großbritannien warnt, aber die britische die Briten vor einem Trip ins schöne Frankreich, während der deutsche Innenminister das alles für völlig überzogen hält, weil es keine harten Fakten gäbe, wird es eher komisch.

Der Fall zeigt nicht nur, dass es mit der Zusammenarbeit in der Europäischen Union auf dem Gebiet der inneren Sicherheit nach wie vor nicht weit her ist. Es fehlen Regeln. Er dokumentiert auch den tiefen Graben zwischen Europa und den USA in Fragen der Sicherheit, des Schutzes der Bürger (und dessen Privatsphäre).

In der EU: Die nationalen Polizeibehörden und Geheimdienste beziehungsweise ihre Minister bestimmen, was auf europäischem Boden geschieht oder nicht. Die transnationalen Institutionen sind unwissende "Zuschauer" - die EU-Kommission ebenso wie der "EU-Terrorbeauftragte" Gilles De Kerchove, ein Jurist und Kriminologe, der mit wenigen Mitarbeitern in Brüssel sitzt und bei nationalen Diensten um Infos betteln muss. Weil die Sicherheitsbehörden sich inzwischen zwar wechselseitig informieren, aber unterschiedliche Zielsetzungen haben, gibt es so unterschiedliche Reaktionen.

Die Amerikaner tun sich schwer, das zu verstehen: Sie folgen seit 9/11 dem per Gesetz festgelegten Prinzip, bei begründetem Verdacht sofort in die Öffentlichkeit zu gehen. Dass dahinter selbstverständlich auch ein politisches Kalkül steckt, ist klar. Die Regelungen wurden unter George W. Bush geschaffen, um dem US-Bürger zu zeigen, dass für seine Sicherheit alles getan wird - bis zur Aufhebung jeder Privatsphäre. Politische Ziele verfolgen natürlich auch die europäischen Regierungen. In Frankreich etwa spielt ein rechter Innenminister seit Wochen mit der Terrorgefahr, um von der Aufregung um seine ultraharten Ausländergesetze abzulenken.

Ob die reale Terrorgefahr in Europa heute viel größer ist als vor ein paar Jahren, ist unklar. Aus Sicht des einzelnen Bürgers vermutlich gar nicht entscheidend: Der muss mit der realen Terrorgefahr seit langem leben und reisen - mit und ohne Warnung. (Thomas Mayer, DERSTANDARD-Printausgabe, 08.10.2010)