Wien - Auf wundersame Weise tierisch wird es bei zweien der absoluten Vorzeigearbeiten von Push and Pull, einem gemeinsamen Festival von Tanzquartier Wien und Mumok. Das sind Emergence Room des deutschen "Künstlerzwillings" deufert & plischke und Xavier Le Roys low pieces, beides Uraufführungen.

Die interaktive Installation Emergence Room im tiefsten Geschoß des Mumok ahmt einen Spinnenbau nach, und es geht auch um die Figur der Arachne aus der griechischen Mythologie. Arachne konnte besser weben als Athene und wurde von dieser aus Neid in eine Spinne verwandelt. In der Installation können die Besucher selbst produktiv werden, Kommentare auf Karten schreiben oder Cat's Cradle spielen, etwas stricken oder sticken.

Es geht ums Spinnen, die Spinner, das Einfädeln, das Sichverstricken. In einer labyrinthischen Netzwerkwelt braucht es die Kunst der Navigation. Maßgeblich beeinflusst ist der deufert-&-plischke-Bau von dem Philosophen Marcus Steinweg, der seit längerem mit dem "Künstlerzwilling" kooperiert. Der 39-Jährige wird später bei Push and Pull noch selbst auftreten. Mit einer Lecture, die den Titel seines neuen Buchs trägt: Aporien der Liebe.
Fragen ans Publikum

Als solche Aporie - hier: Ausweglosigkeit - stellte sich Le Roys Choreografie low pieces in der Halle G des Tanzquartiers nicht dar. Das Theater erscheint hier in seiner Paraderolle: als Metapher auf Platons Höhle, deren Bewohner die Realität als Schattenprojektion erleben. Sowohl die Zuschauer als auch die neun Performer sind Teil des Gleichnisses. Zu Beginn und am Ende werden die Besucher zum Gespräch eingeladen, erste Frage: "Was ist Wirklichkeit?"

Die low pieces sind kurze Szenen, die durch längere Blackouts voneinander getrennt sind. In der ersten Szene formen die nackten Tänzer, darunter Größen der zeitgenössischen Choreografie wie Anne Juren, Jan Ritsema, Krõõt Juurak und Christine De Smedt zwei Inseln mit sich in einem unhörbaren Wind wiegenden Bäumen. Danach bilden sie Konstellationen von Körpern in Bewegung und Ruhe. Später heult er doch, der Wind, und Vogelgeschrei dringt aus dem Dunkel. Schließlich verwandeln sich alle in Tiere, die gemeinsam rasten.

In diesem genau strukturierten Stück ergeben Licht und Dunkel, Timing und Sound eine Komposition, die dem Lärm von Krise und Kommerz radikal entgegenstehen, wie das im Tanz schon lange nicht mehr zu sehen war. Dennoch ist hier das Licht der Aufklärung nicht platonisch ideal gemeint, sondern von Finsternissen durchsetzt. Was wieder zu Marcus Steinweg passt, der, wie im Spinnenlabyrinth von deufert & plischke zu hören ist, feststellt, dass die Aufklärung nicht nur "Enlightenment", also Erleuchtung ist, sondern auch eine Verdunkelung. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.10.2010)