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*Mithilfe der Literatur aus dem Exil des Unglücks zurückkehren: Der israelische Schriftsteller David Grossman verlor seinen Sohn 2006 im Libanonkrieg.

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Als ich anfing, das Buch Eine Frau flieht vor einer Nachricht zu schreiben, wusste ich, ich wollte die Geschichte Israels erzählen, eines Landes, das sich seit über hundert Jahren - auch schon bevor es ein Staat wurde - im Kriegszustand befindet. Und ich wollte dies anhand der persönlichen, ganz privaten Geschichte vom Leben einer Familie tun.
Vielleicht stimmen Sie mir zu, dass das wirkliche, große Drama der Menschheit das Drama der Familie ist. Jeder und jede von uns ist Teil eines solchen Dramas, denn wir alle wurden einmal in eine Familie geboren. Ich denke, die bedeutendsten Dinge in der Geschichte der Menschheit haben sich nicht auf Schlachtfeldern ereignet, nicht in den Sälen der Paläste oder den Fluren der Parlamente, sondern in Küchen, in Kinder- und Schlafzimmern.

In meinem Buch wollte ich zeigen, wie der Konflikt im Nahen Osten und seine ganze Brutalität in die so zarte und verletzliche Blase des Familienlebens ausstrahlt und - unausweichlich - deren innerstes Gewebe verändert. Ich versuchte zu erzählen, welche Anstrengungen Menschen, die in diesem, oder auch in jedem anderen anhaltenden gewalttätigen Konflikt gefangen sind, unternehmen, um in einer von Härte und Gleichgültigkeit bestimmten Situation, in der alles darauf angelegt ist, das Gesicht des Einzelnen auszulöschen, das komplexe feine Geflecht menschlicher Beziehungen, Sensibilität, Zartheit und Mitgefühl zu bewahren. Der Versuch, mitten im Krieg an all dem festzuhalten, erscheint mir wie das Vorhaben, mit einer Kerze in der Hand durch einen gewaltigen Sturm zu gehen.

Wenn Sie mich im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen onflikt nach meinem größten Wunsch fragen würden, würde ich natürlich sagen, dass er gelöst wird, dass Frieden herrscht. Doch dann würden Sie vielleicht weiterfragen: „Gehen wir davon aus, das geschieht noch lange nicht, was wäre bis dahin Ihr größter Wunsch?" Nach einem Schmerz, den ich wegen dieser Annahme in Ihrer Frage sicher spüren würde, würde ich antworten: Ich würde gern lernen, mich all dem Entsetzlichen, all dem Unrecht, das dieser Konflikt uns im Großen und im Kleinen jeden Tag beschert, so weit wie möglich auszusetzen. Mich nicht davor zu verschließen, mich nicht zu schützen; nicht aufzuhören, mich von ihm verletzen zu lassen.

In einem andauernden Konflikt wie diesem Mensch zu sein, bedeutet für mich vor allem: Hinschauen. Die Augen offenhalten, die ganze Zeit, so gut ich kann. Nicht immer habe ich die seelische Kraft dazu, aber ich weiß, ich muss darauf bestehen, zumindest zu wissen, was passiert, welche Dinge in meinem Namen getan werden, an denen ich, so sehr ich sie auch ablehne, dennoch beteiligt bin. Ich muss diese Dinge sehen, um zu reagieren, um mir und anderen zu sagen, was ich ihnen gegenüber empfinde.

Ich muss sie beim Namen nennen, mit meinen Worten, und darf mich nicht von den Wörtern und Formulierungen verführen lassen, die Regierung, Armee oder meine eigenen Ängste - oder auch mein Feind - mir diktieren wollen. Und, was manchmal das Schwerste ist: nicht vergessen. Der mir da gegenüber steht, mein Feind, der mich hasst und mich als Bedrohung seines Lebens sieht, ist auch ein Mensch; mit seiner Familie und seinen Kindern, mit seiner Auffassung von Gerechtigkeit und seinen Hoffnungen, mit seiner Verzweiflung und seinen Ängsten, mit seinem blinden Fleck.
Sie verleihen mir den ehrenvollen „Friedenspreis". Ich möchte über Frieden reden, es ist lebensnotwendig, über Frieden zu reden. Zum Gespräch über den Frieden muss man immer wieder auffordern, vor allem in einer Realität wie der unseren. Es ist wichtig, an dem verzweifelten und paralysierten Bewusstsein von Israelis und Palästinensern regelmäßig intensive Wiederbelebungsversuche vorzunehmen, da in ihren Augen das Wort "Schalom" schon beinahe gleichbedeutend ist mit Illusion oder Halluzination, wenn nicht gar mit einer Todesfalle.

Denn nach hundert Jahren Krieg, nach Jahrzehnten der Besatzung und des Terrors, glauben zu viele Israelis und Palästinenser nicht mehr an die Möglichkeit eines wirklichen Friedens. Sie wagen noch nicht einmal sich vorzustellen, wie ein Leben in Frieden aussehen könnte. Die meisten haben sich insgeheim damit abgefunden, dass es wohl so etwas wie ein Fatum gibt, welches sie dazu verurteilt, in endlosen Zyklen von Gewalt und Mord zu leben.
Wer aber die Möglichkeit des Friedens aufgegeben hat, ist schon geschlagen. Er hat das Schicksal des anhaltenden Krieges im Grunde über sich selbst verhängt. Manchmal muss man an das so Selbstverständliche erinnern: Beide Seiten, Israel und die Palästinenser, haben Recht auf ein Leben in Frieden, ohne Besatzung, ohne Terror und Hass. Beide Seiten haben ein Recht, als einzelne und als selbständige Völker in ihrem souveränen Staat in Würde zu leben und von den Wunden zu genesen, die hundert Jahre Krieg ihnen geschlagen haben. Sie haben nicht nur ein Recht auf Frieden; sie sind - beide - existenziell auf Frieden angewiesen.

Über die Hoffnungen der Palästinenser in Bezug auf den Frieden kann ich nicht sprechen. Ich habe kein Recht, ihre Träume zu träumen. Ich kann ihnen nur von ganzem Herzen wünschen, dass sie, nach der über Generationen andauernden Unfreiheit durch die Besatzung von Türken, Engländern, Ägyptern, Jordaniern und Israelis schon bald ein solches Leben der Freiheit und der Souveränität kennenlernen werden. Dass sie ihre Nation und ihren Staat als Demokratie errichten und ihre Kinder ohne Angst aufziehen können. Dass ihnen zuteil wird, was ein ruhiges Leben in Frieden einem jeden Menschen zu bieten hat.

Über meine Wünsche und Hoffnungen als Israeli und als Jude jedoch kann und darf ich reden. „Friede" ist für mich nicht nur die Definition eines Zustands, in dem der Krieg mit all seinen Schrecken zu Ende sein und Israel umfassende und gute Beziehungen mit seinen Nachbarn haben wird. Wirklicher Friede für Israel bedeutet die Aussicht, in der Welt auf eine neue Art leben zu können. Die Aussicht, dass Israel nach und nach von den Verheerungen durch 2000 Jahre Exil, Verfolgung und Dämonisierung genesen wird. Vorausgesetzt, dieser zerbrechliche Friede wird tatsächlich andauern, Israel wird seine Existenz festigen und sein großes menschliches, geistiges und kulturelles Potenzial verwirklichen, dann würde jenes Gefühl existenzieller Fremdheit, existenzieller Einsamkeit, vergehen, das den jüdischen Menschen und das jüdische Volk unter den anderen Völkern immer begleitet hat.

Wenn es Frieden gäbe, hätte Israel endlich Grenzen. Das ist nicht trivial, schon gar nicht für ein Volk, das die meiste Zeit seines Bestehens verstreut unter anderen Völkern gelebt hat, und die meisten Katastrophen in seiner Geschichte eben aufgrund dieses Umstands erleben musste.

Stellen Sie sich vor: Auch nach 62 Jahren hat Israel noch immer keine festen Grenzen. Seine Grenzen verschieben sich etwa alle zehn Jahre, weiten sich aus oder werden zurückgedrängt, mal unseretwegen, mal wegen unserer Nachbarn. Wer keine klaren Grenzen hat, gleicht einem, in dessen Haus die Wände sich fortwährend bewegen; einem, der keinen festen Boden unter den Füßen spürt. Einem, der kein wirkliches Zuhause hat.

Trotz seiner großen militärischen Stärke ist es Israel noch immer nicht gelungen, seinen Bürgern jenes natürliche, entspannte Gefühl zu geben, das ein Mensch hat, der sicher in seinem Land wohnt. Es ist - und das ist tragisch - Israel nicht gelungen, den jüdischen Menschen von seiner bitteren Grunderfahrung zu heilen: dem Gefühl, auf der Welt heimatlos zu sein. Israel wurde errichtet, damit der jüdische Mensch und das jüdische Volk eine Heimstätte bekommen sollten. Dies war die große Vision, die zur Schaffung des Staates Israel führte. Doch so lange es keinen Frieden und keine anerkannten festen Grenzen und kein wirkliches Gefühl der Sicherheit gibt, werden wir Israelis hier nicht das Zuhause haben, das uns gebührt und das wir brauchen, so lange werden wir uns in der Welt nicht beheimatet fühlen.
Sie spüren wahrscheinlich: Bestimmte Worte bekommen, wenn sie von einem jüdischen Menschen und einem Israeli in Deutschland gesagt werden, einen anderen Resonanzraum als anderswo auf der Welt. Das, wovon ich rede, die von mir verwendeten Worte und der Pulsschlag des Erinnerns, den sie wecken, kommen aus der Wunde der Schoah und werfen ihr Echo zurück. Viele Dinge, die sich in Israel ereignen - sei es im privatesten Bereich, im Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Leben, zu seiner Familie und seinen Freunden, oder sei es im öffentlichen Bereich, im politischen und militärischen - stehen in diesem belasteten Dialog mit der Schoah und damit, wie die Schoah das jüdische und das israelische Bewusstsein geprägt hat.

Und auch, was ich gerade hier in der Paulskirche sage, in der 1848 das erste in Deutschland frei gewählte Parlament tagte, welches das Fundament für die Demokratie legte, auch das kehrt, wie eine Brieftaube aus der Schoah, immer wieder "dorthin" zurück.

Ohne unangebrachte Vergleiche zwischen völlig unterschiedlichen historischen Situationen anzustellen, mache ich mir klar, dass man gerade hier in Deutschland auch sehen kann, wie sich ein Volk nicht nur von der physischen Zerstörung erholt, sondern wie es von dem Ort, an dem die Menschlichkeit selbst zerbrochen wurde und all ihre Grenzen und Hemmungen übertreten und eingerissen wurden, aufgebrochen ist. Wie es noch einmal neu beginnt, sich auf ethische und demokratische Werte verpflichtet und seine Jugend zu einer Weltsicht des Friedens erzieht.

Kehren wir zurück zu unserer Situation im Nahen Osten: Nur Frieden kann Israel von der tiefen Sorge seiner Bürger heilen, ob sie und ihre Nachkommen überhaupt eine Aussicht auf Zukunft haben. Ich denke, kein anderes Land auf der Welt lebt in einer so existenziellen Angst.

Wenn Sie in einer deutschen Zeitung lesen, dass Deutschland staatliche Projekte für das Jahr 2030 plant, erscheint Ihnen das völlig normal und logisch. Kein Israeli würde so weitreichende Pläne machen. Wenn ich an Israel im Jahr 2030 denke, zuckt etwas in mir zusammen, als habe ich, indem ich es wage, mir ein so großes „Stück" Zukunft zu erlauben, ein Tabu gebrochen...

Nur Frieden wird Israel ein Zuhause und eine Zukunft geben. Und nur Frieden wird es uns, den Israelis, ermöglichen, etwas zu erleben,was wir überhaupt nicht kennen: Das Gefühl einer stabilen Existenz. Wer die meiste Zeit seiner Geschichte entwurzelt und auf stetiger Wanderschaft lebte, wer immer wieder verfolgt und vertrieben wurde, der schwebt zwischen Existenz und Auslöschung.

Wer schon Tausende von Jahren so lebt, kann sich nach einer sicheren Existenz nur sehnen. Nach dem Gefühl, dass die Existenz seines Volkes in seinem Land sicher sei, dass es in seiner Erde verwurzelt sei, dass seine Grenzen geschützt und von der internationalen Gemeinschaft anerkannt sind. Dass seine Nachbarn es in ihrem Kreis akzeptieren, mit ihm Beziehungen knüpfen und es in das Geflecht ihres Lebens mit einweben. Dass es eine Zukunft hat. Dass es einen Ort hat auf der Welt.

Ich stehe hier und rede mit Ihnen über Frieden. Merkwürdig. Ich, der ich in meinem ganzen Leben noch keinen Augenblick wirklichen Friedens erlebt habe. Doch ich weiß etwas über Krieg. Deshalb denke ich, habe ich das Recht, hier über Frieden zu reden. Schon viele Jahre spielen sich mein Leben und meine Bücher ununterbrochen in dieser Mischung aus Krieg und der Angst vor ihm und seinen Folgen ab, in einer Mischung aus Angst um Israel, Angst um meine Lieben, die hier leben, und dem Kampf um das Recht, in einem Zustand, in dem Einzelne immer wieder durch den Krieg verstaatlicht wird, unheroisch und intim ein ganz privates Leben zu führen.

Je mehr ich erfahre, in welchen Tiefen dieses Leben-im-Krieg einen zerstört und korrumpiert, umso drängender wird mein Bedürfnis zu schreiben. Das ist mein Weg, auf meine Individualität zu pochen, auf mein Recht, „ich" und nicht "wir" zu sagen.

Es liegt im Wesen des Krieges, dass er die Nuancen, die die Besonderheit eines Menschen ausmachen, und das einmalige Wunder, das jeder Mensch darstellt, auslöscht. Und mit derselben Brutalität leugnet er auch die Ähnlichkeit der Menschen und alles, was sie als Mitwirkende am menschlichen Schicksal verbindet.

Das genaue Gegenteil von all dem geschieht in der Literatur, und zwar nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Lesen. Literatur ist die völlige Hingabe an den Einzelnen, an sein Recht, Individuum zu sein, und ebenso an seine Schicksalsgemeinschaft mit der gesamten Menschheit. Literatur ist ein Ausdruck des Staunens über das Geheimnis des Menschen, seine Komplexität, seinen Reichtum und seine Schatten.

Wenn ich schreibe, versuche ich mit aller Kraft, die Gestalten in meiner Geschichte aus ihrer anfänglichen Fremdheit und Vagheit herauszuholen, sie aus ihrer Umklammerung durch Stereotypen, aus gängigen Klischees und Vorurteilen zu befreien. Wenn ich eine Geschichte schreibe, kämpfe ich - manchmal über Jahre - darum, alle Seiten einer menschlichen Figur zu verstehen, sie zu sein. Den anderen aus sich selbst heraus zu verstehen. Die Art und Weise, wie ein Schriftsteller mit all seinen Sinnen, den Gefühlen und Empfindungen einer Figur, die er schafft, lauscht, hat etwas Zartes, geradezu Mütterliches. In seiner Bereitschaft, sich der Figur, über die er schreibt, schutzlos hinzugeben und ihr Mund zu sein, vergisst er, sich selbst zu schützen.

Vielleicht ist dies der große Beitrag der Literatur für diejenigen, die im Krieg leben, und für jeden, der im Exil, in Fremdheit, Diskriminierung oder Armut lebt; in dem Gefühl, dass sein Ich dauernd ausgelöscht wird. Die Literatur vermag es, uns allen unser Menschengesicht zurückzugeben.

Meine Damen und Herren, ich sprach zu Anfang meiner Rede von meinem Ausgangspunkt beim Schreiben des Buches Eine Frau flieht vor einer Nachricht. Vielleicht wissen Sie, es erzählt von einem israelischen Soldaten, der in den Krieg zieht, und dessen Mutter, gepackt von der Angst um sein Schicksal, von Zuhause flieht, damit die schreckliche Nachricht, falls sie denn kommt, sie nicht erreichen kann.

Drei Jahre und drei Monate nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte, brach der zweite Libanonkrieg aus. Er begann mit einem überraschenden Angriff der Hisbollah auf eine israelische Militärpatrouille auf israelischem Gebiet. Am Abend des 12. August 2006, wenige Stunden vor dem Ende des Krieges, starb mein Sohn Uri zusammen mit den drei Männern seiner Panzerbesatzung durch eine Rakete der Hisbollah.

Gerne würde ich Ihnen von Uri erzählen, aber das kann ich nicht. Nur so viel: Stellen Sie sich einen jungen Mann am Anfang seines Lebensweges vor, mit all seinen Hoffnungen, seinem Feuer, seiner Lebensfreude, mit der Arglosigkeit, dem Humor, den Wünschen eines jungen Mannes. So war er. Und so waren Tausende und Abertausende anderer Israelis, Palästinenser, Libanesen, Syrer, Jordanier und Ägypter, die ihr Leben in diesem Konflikt verloren haben und weiterhin verlieren.

Einen Tag nach dem Ende der Trauerwoche kehrte ich an den Schreibtisch zurück und schrieb mein Buch weiter. Wenn einem Menschen ein Unglück widerfährt, hat er das Gefühl, im Exil zu sein. Er wurde vertrieben von allem, worauf er früher vertraute und baute, von allem, was er glaubte, von der gesamten Geschichte seines Lebens.

Plötzlich ist für ihn nichts mehr selbstverständlich. Für mich war die Rückkehr zum Schreiben nach dem Unglück eine instinktive Reaktion. Ich hatte das Gefühl, das Schreiben könnte der Weg sein, auf dem ich - in gewissem Sinne - aus dem Exil zurückkehren würde. Ich kehrte zum Schreiben zurück. Zurück zu meiner Geschichte, die auf merkwürdige Weise einer der wenigen Orte in meinem Leben war, die ich noch verstehen konnte. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und begann, die zerrissenen Fäden in meiner Geschichte wieder miteinander zu verknüpfen.
Nach einigen Wochen spürte ich zum ersten Mal und mit einem gewissen abgründigen Staunen wieder die Lust am Schreiben. Da ertappte ich mich plötzlich dabei, wie ich wieder stundenlang nach dem richtigen Wort für ein bestimmtes Gefühl suchte, das ich beschrieb. Ich merkte, ich war nicht bereit, mich mit einem anderen Wort zu begnügen, das nicht exakt die ganze Bandbreite dieses Gefühls wiedergab. Für einige Augenblicke staunte ich, dass etwas so Geringfügiges mich überhaupt beschäftigte, nachdem um mich herum die Welt untergegangen war. Doch als ich das richtige Wort gefunden hatte, empfand ich eine Befriedigung, von der ich geglaubt hatte, ich würde sie nie mehr im Leben empfinden können: das Gefühl, in dieser chaotischen Welt eine Sache so zu machen, wie sie gemacht werden muss.

Immer wieder kam ich mir vor wie ein Mensch nach einem Erdbeben: Er kriecht aus den Trümmern seines Hauses, schaut sich um, setzt sich auf die Erde und beginnt, wieder Steine aufeinanderzulegen. Da saß ich und schrieb. Langsam kehrte die Lust an der Phantasie und am Erfinden zurück, und auch der Spieltrieb, der jedem kreativen Schaffen innewohnt.

Ich erfand Gestalten, hauchte ihnen Leben, Wärme und Phantasie ein, die ich nicht mehr in mir vermutet hatte. Ich gab ihnen eine Realität und einen Alltag. Ich entdeckte in mir wieder den Wunsch, alle Nuancen eines Gefühls, einer Realität, alle Feinheiten einer Beziehung zu berühren und mich nicht vor dem Schmerz zu fürchten, den solche Berührung manchmal hervorruft.

Wieder entdeckte ich, dass das Schreiben für mich der beste Weg ist, gegen Willkür zu kämpfen - gegen jedwede Willkür - und gegen das Gefühl, ihr hilflos, als Opfer ausgeliefert zu sein.

Ich habe gelernt: Es gibt Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibt, die des Beschreibens ist: Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt ist. Manchmal kann dies auch der Weg sein, aus seinem Opferdasein herauszukommen. Das trifft auf den einzelnen Menschen zu, aber auch auf Gesellschaften und Völker.

Ich wünsche mir, dass mein Land, Israel, die Kraft finden wird, seine Geschichte noch einmal neu zu schreiben. Dass es lernen wird, seiner Geschichte und seiner Tragödie auf eine neue Art und Weise zu begegnen und sich aus ihr heraus noch einmal neu zu erschaffen. Dass wir die erforderlichen Seelenkräfte finden, um die wirklichen Gefahren, die auf uns lauern, von dem gewaltigen Nachhall der Unglücke und Tragödien, die und in der Vergangenheit heimsuchten, zu unterscheiden.

Auf dass wir nicht mehr Opfer werden, nicht unserer Feinde und nicht unserer eigenen Ängste. Auf dass wir endlich nach Hause kommen. Danke und: Schalom.
(Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, DER STANDARD/Printausgabe 11.10.2010)