Vielleicht ist es ja nur eine durch den Wunsch erzeugte Überinterpretation. Aber zumindest ein Wiener U-Bahnfahrer scheint das uns von den Wiener Linien verordnete "Zurückbleiben" subtil zu unterlaufen. Im Zug unseres Helden - wo und wann er uns untergekommen ist, sei verschwiegen - lief kein Band mit forscher Frauenstimme. Er artikulierte das Wort selbst. Aber wie! Er jammerte es in den Äther in einem Ton, der einem Hamlet-Darsteller des 19. Jahrhunderts zur Ehre gereicht hätte. Das zu befördernde Volk grinste. Sicherlich hat der Mann noch andere Rollen drauf, wie wär's mit Jedermann?

Um es klarzustellen: Wir Z-Wort-Refusniks sind gerührt von der Fürsorge der Wiener Linien, die uns vor Unheil bewahren wollen. Freudig nehmen wir in der Kombination mit "Bitte" sogar Befehle entgegen. Was uns ärgert, ist der österreichische sprachliche Minderwertigkeitskomplex, der in jedem fremd klingenden deutschen Idiom "Hochdeutsch" zu erkennen glaubt.

Da fährt einer nach Berlin, hört "Zurückbleiben" und sagt: "Die reden aber pipifeines Deutsch, ma, das möcht' ich auch!" Und wir in Wien haben prompt den Scherben auf. Deshalb noch einmal, zum Mitschreiben: "Bleiben" mit dem Verbzusatz "zurück" gibt es auf Österreichisch nicht, nicht in dieser Bedeutung. Wie es übrigens "abbleiben" nicht gibt. Aber vielleicht ist das ja auch nur mehr Wunschdenken. (DER STANDARD Printausgabe 13.10.2010)