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Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Bildschirmen in einem Kaufhaus in Freiburg: Medien wie das Fernsehen vermitteln Wissen und nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse.

Foto: AP/Winfried Rothermel

Wie orientieren wir uns in einer komplexen Gesellschaft, was tun wir, damit wir Entscheidungen treffen können? Wir leben zwar, wie immer wieder betont wird, in einer Wissens- oder Informationsgesellschaft - doch woher kommt eigentlich unser Wissen?

"Sense-making" ist das Stichwort, an dem der Kommunikationswissenschafter Otfried Jarren eine Theorie über die Bedeutung sinnstiftender Infrastrukturen festmacht - wörtlich gemeint: wie diese Strukturen den gesellschaftlichen Phänomenen Sinn verleihen, wie sie uns helfen, unsere Wünsche und Vorstellungen zu artikulieren. Am Montagabend hielt Jarren darüber einen Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Er hob die Rolle "intermediärer Organisationen" hervor, die zwischen gesellschaftlichen Systemen liegen und vermittelnd wirken: zwischen dem Privaten und dem Politischen oder dem Wirtschaftlichen etwa. Konkret gemeint sind damit Genossenschaften, Parteien, Interessenverbände, Thinktanks, NGOs und natürlich auch Medien. Sie vermitteln Wissen und nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse. Jarrens Ausführungen passten daher in die Lamarr Lectures, die unter dem Motto "Wissen ist Macht" vom Medienhaus Wien und der Telekom Austria organisiert werden.

Deutungshoheit 

Intermediäre Organisationen präsentieren entscheidungsrelevante Themen, sie fokussieren die steigende Komplexität sowohl für individuelle wie für kollektive Überlegungen. Als solche streben Parteien wie Medien und andere Mitspieler nach der Deutungshoheit bei Phänomenen, die nicht a priori klar sind. Als Beispiele nannte Jarren die Fragen, wo die Grenze zwischen weichen und harten Drogen liegt oder wann eine gesellschaftliche Gruppe so gefährlich erscheint (bzw. dargestellt wird), dass eine Überwachung angemessen wirkt. Die Antworten auf solche Fragen hängen von den Informationsprozessen ab, die zwischen den intermediären Organisationen und den Bürgern stattfinden.

Jarren, derzeit Ordinarius am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung und Prorektor der Geistes- und Sozialwissenschaften an der Uni Zürich, brachte die Rolle des digitalen Netzes ins Spiel. Es herrsche ja eine gewisse Euphorie vor, was die Möglichkeiten des Internets als Sinnstifter anbelangt. Doch aufgrund von organisationstheoretischen Überlegungen und empirischen Befunden kam er zu dem Schluss, dass die Akteure im Netz das nicht rechtfertigen.

Um eine Vermittlerfunktion zu erfüllen, müssten sie nicht nur bekannt und anerkannt sein (was viele Netzaktive sind), sondern auch Stabilität und Kontinuität vorweisen sein, das heißt auch bei persönlichen Veränderungen einen erkennbaren Kern behalten. Dies aber sei bei Bloggern nicht gegeben, und auch institutionalisierte Anbieter im Netz erfüllen (noch) nicht die Marktplatzfunktion, die Organisationen haben.

Medien mit Startvorteil

Auf die Frage, ob nicht auch Einzelne, zum Beispiel anerkannte Meinungsführer, intermediäre Funktionen erfüllen und den gesellschaftlichen Prozessen einen Sinn geben, antwortete Jarren, dass dies wohl punktuell passiere, aber nicht auf Dauer. Da hätten Medien einen institutionellen Startvorteil. Dass die Vermittlerfunktion vor allem der Presse als stark gefährdet wahrgenommen wird, wurde Jarren bei einem Treffen von Chefredakteuren aus aller Welt mit der New York Times-Vorstandschefin Janet Robinson klar: "Die meiste Zeit wurde über das Netz geredet, über Paywalls, Cookies und so weiter. Und sehr wenig nur über Inhalte." Doch das Aktivierungspotenzial des Netzes, sagte Jarren, sei stark überschätzt. In Wirklichkeit würden die Nutzer nicht die Möglichkeit in Anspruch nehmen, dass man im Netz sozusagen sein eigener Chefredakteur sein und sich die relevanten Nachrichten selbst zusammenstellen kann. Man habe ja auch nie die Chance wahrgenommen, sich audiovisuelle Inhalte maßzuschneidern. "Das ist auch eine zeitökonomische Frage."

Der Einfluss von Public Relations nehme zu, sagte Jarren weiter. "Ohne PR kein Journalismus": Dieser Satz sei zwar zynisch und falsch, doch die Streuung von Information in personalisierter Absicht solle man nicht unterschätzen. PR sei im Sinne seines Intermediary-Modells sicher ein beständiger und daher verlässlicher Mitspieler, aber deswegen noch nicht verlässlich im inhaltlichen Sinn: "Die Information könnte ja dysfunktional sein." (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2010)