Gugging - Judith Scott konnte es nicht leiden, wenn man ihre Objekte anfasste. Sie selbst verfuhr mit fremden Besitztümern nicht eben zimperlich: Erschienen sie ihr interessant, ließ sie Tonbänder, Regenschirme und andere Alltagsgegenstände mitgehen und umhüllte sie mit einem Kokon aus Wolle, Stoffresten und Bändern. In der Ausstellung "judith & shields.! judith scott meets tribal art" werden ihre vermeintlich weiblichen, da an traditionelle Handarbeiten erinnernden Objekte von einer wesentlich älteren, testosterongetränkten Kunst eingerahmt: Holzschilder aus Neuguinea, bemalt und kampferprobt.

Ursprünglichkeit und Unverbildetheit sind den Arbeiten gemeinsam. Scotts Objekte bestehen zwar aus Handarbeitsmaterialien - die Verhandlung von Geschlechterrollen ist aber kein Thema.

In der Art Brut sind Frauen eine Minderheit. Auch im Art/Brut Center Gugging werden fast nur Werke von Männern gezeigt. Das angeschlossene Haus der Künstler, in dem psychisch oder physisch beeinträchtigte Künstler leben, ist ein Junggesellenhaushalt.

Scott, die 2005 61-jährig starb, würde das alles herzlich wenig interessieren. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass ihre Werke in Galerien weltweit zu sehen sind und von 15.000 Dollar aufwärts gehandelt werden.

Judith Scott hatte ein von Taubheit begleitetes Down-Syndrom, sie konnte weder lesen noch schreiben. Kunstgeschichte war ein ihr unbekannter Begriff. 1943 in Cincinnati (Ohio) geboren, kam sie mit sieben Jahren in ein Heim. Ohne, dass ihre Taubheit jemandem aufgefallen wäre, fristete sie dort als "Unbelehrbare" 36 Jahre lang ihr Dasein, bis ihre Zwillingsschwester Joyce sie zu sich nahm. In einem Kunstzentrum für Behinderte lernte Scott die Textilkünstlerin Sylvia Seventy kennen. Diese brachte ihr bei, zu nähen und Fäden zu verknüpfen. In Judith Scott schien sich dabei ein Knoten gelöst zu haben. Beobachter erzählen von der absoluten Hingabe, mit der sie sich ihren Arbeiten widmete: "Sie wusste genau, wann ein Objekt fertig war."

Bisweilen wuchsen die Werke auf die Größe ihrer Schöpferin an, nie aber über den Kopf hinaus. Manchmal ähnelt das Endprodukt einer Mumie, manchmal einem Tier. Immer aber faszinieren die Lebendigkeit und Unbedingtheit. Man würde die Objekte gerne berühren - wenn man denn dürfte. (Andrea Heinz/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.10.2010)