STANDARD: Die chilenischen Minenarbeiter waren fast 70 Tage verschüttet. Kann man so etwas psychisch unbeschadet überstehen?

Preitler: Durchaus - denn die menschliche Psyche ist komplex. Gerade in diesem Fall spricht einiges für positive Bewältigungs-chancen: etwa die gegenseitige Unterstützung in der Gruppe. Gegenseitige Hilfe hilft auch gegen die Angst.

STANDARD:  Gilt das auch für die ersten Tage, als man die Bergleute noch nicht aufgespürt hatte und sie mit ihrem Tod rechnen mussten? Preitler: Sogar dann, aber da kommt es auch sehr auf die psychischen Ressourcen des Einzelnen an. Handelt es sich zum Beispiel um einen gläubigen Menschen, oder hat er aus sonst einem Grund Hoffnung, so hilft ihm das, die Realität zu verleugnen: In einer solchen Lage ist das eine große Hilfe.

STANDARD:  Welche Spätfolgen sind bei den Geretteten zu erwarten - wenn sie denn auftreten?

Preitler: Es kann zu Gefühlen der Reizüberflutung und zu einer ständigen Wiedererinnerung kommen. Das geht oft mit einem Vermeidungsverhalten einher.

STANDARD:  Dann wären diese Männer nicht mehr imstande, in einer Mine unter Tage zu arbeiten. Ist davon auszugehen?

Preitler: Ich würde nicht nur einigen, sondern allen 33 Männern raten, keine Minenarbeit mehr zu machen. Nach dem Tsunami habe ich im Rahmen von Hilfsprojekten in Indonesien auch den Fischern aus psychischen Gründen empfohlen, nicht mehr aufs Meer hinauszufahren. Den Fischern ist im Endeffekt nichts anderes übriggeblieben. Die Minenarbeiter hingegen sind medial bekanntgeworden, sodass sie jetzt hoffentlich andere Jobangebote bekommen.

STANDARD:  Also sind der Medienrummel und der Umstand, dass die Männer in Chile wie Helden gefeiert werden, positiv zu sehen?

Preitler: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite erkranken Menschen, die nach einem Trauma einen geschützten Rahmen finden, psychisch signifikant seltener als Menschen, die weiter im Chaos leben müssen. Doch sehen sie sich, etwa aus finanziellen Gründen, gezwungen, Dinge preiszugeben, kann das zu einer Retraumatisierung führen. ( Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 14.10.2010)