Linz - Es ist wohl angesichts der Vielzahl der in letzter Zeit bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen und einem dramatischen Mitgliederschwund eine der meistdiskutierten Fragen: Wozu eigentlich Kirche? Dienstagabend luden die Prämonstratenser Chorherren ins Stift Schlägl unter dem Titel "Herausforderungen unserer Zeit - Wozu Kirche?" zu einem ökumenischen Diskussionsabend mit dem Bischof der Evangelischen Kirchen A.B., Michael Bünker, und dem emeritierten Wiener Weihbischof Helmut Krätzl.

Bünker mahnte vor allem den sozialen Auftrag der Kirchen ein: "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kirche ein Werkzeug ist, kein Selbstzweck." Die europäische Gesellschaft werde gegenwärtig herausgefordert und vor allem verändert durch Migration. Bünker: "Das Zeichen der Zeit für die Kirche und ihre Pfarrgemeinden ist es daher Integration zu fördern. Religion ist der Identitätsanker in der Fremde, denn oft können Flüchtlinge nichts anderes mitnehmen." Es sei die "zentrale Aufgabe" der Kirche, sich der Vielfalt und den Problemen zustellen".

Weihbischof Krätzl erinnerte an die Notwendigkeit der Kirche für die Gesellschaft: "Aus einem kirchlichen Hintergrund wirken die Gesinnungen, wie Solidarität, Einsatz für Friede und Gerechtigkeit, Versöhnung und Dialog in der Gesellschaft weiter." Doch Krätzl scheute sich auch nicht davor, den Reformstau in der katholischen Kirche zu kritisieren: "Die Kirche muss sich von den Menschen herausfordern lassen und nicht an ihnen vorbei leben. Sie schafft es nicht, ihr Angebot in einer Sprache zu präsentieren, die die Gesellschaft von heute unbedingt braucht um zu verstehen."

Und auch in der Diskussion über die so genannten "heißen Eisen" fand der Alt-Weihbischof überraschend deutliche Worte. Bei wiederverheirateten Geschiedenen müsse die Kirche "den Großmut" haben und die Entscheidung akzeptieren. Krätzl: "Ich fordere keine Generalamnestie. Aber in Einzelfällen müssen wir barmherzig sein."

Dem folgte ein Plädoyer für die Weihe bewährter verheirateter Männer (viri probati) zu Priestern und somit eine Lockerung des Zölibats: "Wenn die Ehelosigkeit Schuld am Priestermangel ist, und das ist sie für mich, dann müssen wir um der Sakramente willen dringend umdenken." Die Zeit für Frauen im Talar sieht Krätzl hingegen "psychologisch und soziologisch noch nicht reif". (Markus Rohrhofer, DER STANDARD; Printausgabe, 14.10.2010)