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Desavouierter Außenminister: Bernard Kouchner.

Foto: dapd/Logghe

Es hätte die Krönung eines Lebenswerks sein sollen, als Bernard Kouchner von Nicolas Sarkozy 2007 zum Außenminister Frankreichs berufen wurde. In Biafra hatte der Magen-Darm-Arzt und Sozialist für Hungernde gekämpft; später half er nacktbrüstig vietnamesischen Boatpeople und schulterte in Somalia schwitzend Reissäcke. Er tat es vor allem, wenn die Fernsehkameras dabei waren - doch das nahm ihm niemand übel, denn Bernard Kouchner war nicht nur ein Selbstinszenierer, sondern auch ein Macher: Er gründete Ärzte ohne Grenzen und erreichte, dass die Uno sein Konzept der "humanitären Einmischung" zur Doktrin erhob und damit von Dhaka bis Darfur Tausende von Menschenleben rettete.

Als ihm der rechtsbürgerliche Präsident Sarkozy im Frühjahr 2007 überraschend den Quai d'Orsay (Sitz des Außenministeriums) anbot, überlegte er nicht lange. Als Kouchner aber endlich in die stuckverzierten Ministerräume mit den Goldlustern einzog, folgte nicht die Krönung, sondern das Krötenschlucken. "Seien wir nicht tibetischer als der Dalai Lama" , musste der neue Minister selbst herumdrucksen, nachdem Sarkozy dem Geschäft mit Peking Vorrang eingeräumt hatte. Im Georgien-Konflikt warnte er Sarkozy vor der Kaltschnäuzigkeit der Russen, erntete aber nur einen Wutanfall seines Chefs. Genauso, als der Sohn eines jüdischen Arztes und einer protestantischen Mutter in der Uno eine israelkritische Resolution im Namen Frankreichs unterstützte. Der Präsident, ein erklärter Freund Israels, desavouierte ihn öffentlich.

Gewollt oder nicht, deckt Kouchner heute afrikanische Despoten, die auch 50 Jahre nach dem Ende der Kolonial-ära obskure Beziehungen zur berüchtigten "Françaf-rique" pflegen. Tatenlos musste er zusehen, wie Françafrique-Schattenanwalt Robert Bourgi im Elysée den Sturz des progressiven, diktaturkritischen Entwicklungshilfeministers Jean-Marie Bockel veranlasste.

Jetzt ist auch Kouchner fällig. Die für November angekündigte Kabinettsumbildung wird er nach Ansicht der Pariser Medien nicht überstehen. Der 70-Jährige, der seine ewig jugendliche Aura verloren hat, begehrte im Sommer nicht einmal mehr gegen die von Sarkozy angeordneten Roma-Ausweisungen auf. Er weiß mittlerweile, dass Sarkozy ihn nicht wegen seiner Moral berufen hatte, sondern wegen seines Ansehens. Und davon wird nicht viel übrigbleiben, wenn Kouchner abtritt. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2010)