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Realtime-Flucht (die Meute sieht am Bildschirm zu) durch den Wald, wo schon die brutal-dämlichen Affen mit ihren dämlichen Weisheiten warten.

Foto: Reuters/Lisi Niesner

Wien - Der Name Natascha Kampusch kommt in Kathrin Rögglas am Samstag in Österreich erstaufgeführtem Stück verständlicherweise kein einziges Mal vor. Der auf sechs Figuren verteilte Text nimmt aber ganz konkret Maß an den Umständen und Einzelheiten dieser von enormer medialer Präsenz begleiteten Entführung und Gefangenschaft, aus der sich die junge Frau nach vielen Jahren schließlich befreien konnte.

Rögglas Interesse gilt den Beteiligten dieses Kriminalfalles: Berichterstattern, Experten und Passanten, die sich auf jeweilige Art über das Opfer ermächtigen und es so zum "Objekt" der eigenen Erzählung machen. Um diese Form der Bevormundung und Fremdbestimmung ins Bewusstsein zu rücken, hat die österreichische Autorin eine radikale sprachliche Klausel gefunden: die Vertauschung der Sprechrollen von Subjekt und Objekt, genauer: die Einverleibung des Opfer-Ichs in die Aussagesätze der "Beteiligten".

Wenn der "Quasifreund", die "Pseudopsychologin" oder der "Möchtegern-Journalist" "ich" sagen (aber Kampusch meinen), so treibt Röggla hier die Ich-Annexion auf die Spitze und decouvriert jene, die so reden, als könnten sie sich in das Opfer hineinversetzen. Etwa heißt es einmal aus dem Mund der Irgendwie-Nachbarin (Barbara Petritsch): "das sei doch hininszeniert. niemand werde doch bestreiten wollen: das sei doch gar nicht ich." Und der Quasi-Freund (Jörg Ratjen): "die künstlichkeit, die ich ausstrahlte, sei phänomenal." Die Konjunktivform, ein Erkennungszeichen in Röggla-Texten, unterstreicht die Waghalsigkeit der gemachten Behauptungen.

Streckungsmittel Falco

Dieser grammatikalische Kniff ist bemerkenswert, und er funktioniert auf der Bühne auch entsprechend. Doch hat der Text mit seinen nicht neuen, sogar vielfach diskutierten Kritikpunkten und einigen draus abgeleiteten Plattitüden auch seine Grenzen. Klischees vom talentierten Fernsehjournalisten (Simon Kirsch), von der voyeuristischen Nachbarin oder der esoterisch verbrämten, vom Helfersyndrom gezeichneten Psychologin (Alexandra Henkel) flachen den Abend auch ab.

Regisseur Stefan Bachmann hält dem viel entgegen, und es gelingt gegen Ende hin immer besser. Er scheute keine billigen Tricks: Zwei in voller Länge gesungene Falco-Lieder (Jeannie und Out of the Dark) sowie Mario Müller-Westernhagens Hymne Freiheit sind vorwiegend ein unterhaltsames Streckungsmittel, das mit ein paar Songzeilen die Entführungsgeschichte emotional untermauern hilft ("Niemand wird dich finden, denn du bist bei mir" oder "Freiheit ist alles, was zählt"). Ein guter Karaoke-Auftritt (Simon Kirsch), aber nicht mehr.

Bachmann hat sich in seiner Not das Rotkäppchen-Märchen geborgt, um den Reden der "Beteiligten" einen narrativen Hintergrund zu geben. Sie reden immerzu engagiert in die Kamera, deren Bilder groß auf die Frontseite der Bühne projiziert werden; dieses gespiegelte Gequassel dreht den Spieß der Beobachtungsposition klug um.

Im Auftritt eines SS-Offizier (Kirsch) bringt Bachmann das Stück mit der österreichischen Nationalwunde zusammen: Vergnügt steppt der Nazi vor einem groß projizierten Kameraschwenk über eine idyllische Landschaft, wie ein Rumpelstilzchen, das sich über das erfolgreich Verborgene freut. Auf der von Jörg Kiefel dick gerahmten Bühne tanzt dieser mit der ", optimalen' 14-Jährigen" (Katharina Schmalenberg). Damit öffnet Bachmann das Stück und führt Österreich als ein Land der Verdrängung vor Augen, als Land des eigenbrötlerischen Stillschweigens und fortwährenden Lügens. SS-Uniformen mögen leergespielte Symbole sein, es reichte zur klaren Behauptung.

Zwiespältig war die in Rögglas Text zusätzlich eingebaute Erzählung vom Rotkäppchen im Wolfsbauch: Jörg Ratjen spricht mit deformierter Stimme hinter dem düsteren Fenster einer Häuserfassade. Da wurden "Details", nach der die Öffentlichkeit verlange, bekanntgemacht (Infos aus der kürzlich erschienen Kampusch-Autobiografie?). Und das führt zur Frage, inwiefern sich denn diese Theaterproduktion auch zu den "Beteiligten" zu zählen habe. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 18.10. 2010)