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Draußen werden die Flaggen auseinandergehalten, drinnen tagen Nicolas Sarkozy, Angela Merkel und Dmitri Medwedew

Foto: Reuters/Wojazer

Ein unüblicher Dreiergipfel führte am Montagabend im französischen Deauville Nicolas Sarkozy, Angela Merkel und Dmitri Medwedew zusammen. Ziel der Europäer ist es nicht zuletzt, Russland besser einzubinden.

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Einzelne Gipfeltreffen zeichnen sich nicht durch ihre Beschlüsse aus, sondern durch ihre Zusammensetzung. Wichtig ist nicht, was entschieden wird, sondern wer teilnimmt - und wer nicht. In Deauville (Nordfrankreich) empfing Gastgeber Nicolas Sarkozy am Montagabend zuerst die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu einem Rendezvous, bevor sie gemeinsam den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew begrüßten. Nach einem Dreiergespräch ist heute, Dienstag, eine abschließende Pressekonferenz geplant.

Die beiden Europäer organisierten Deauville als "vertrauensbildende Maßnahme gegenüber Russland", wie ein deutscher Diplomat meint. Moskau befürchtet, dass der nächste Nato-Gipfel im November den vieldiskutierten Raketenschild lancieren könnte. Treibende Kräfte sind die USA und osteuropäische Staaten - und beide sind in Deauville nicht vertreten. Mit fast schon schlechtem Gewissen kündigten Pariser und Berliner Diplomaten an, auch das "Weimarer Dreieck" mit Polen werde im nächsten Februar einberufen.

Großbritannien, Italien oder die EU-Kommission wurden ebenfalls nicht geladen. Deutsche, Franzosen und Russen wollen offensichtlich unter sich sein. Wie 2003, als sich Jacques Chirac, Gerhard Schröder und Wladimir Putin trafen, um den Irakfeldzug der USA und der Briten zu verurteilen. Merkel, die sich mit Putin weniger gut versteht, ließ diese trilateralen Treffen einschlafen. Mit Medwedew kann sie besser.

Merkel, Medwedew und Sarkozy kommen vor allem zusammen, weil sie an sich selbst denken: Der Franzose will den nächstjährigen G-20-Vorsitz seines Landes als Sprungbrett für seine Wiederwahl 2012 benutzen; der Russe wirbt für sein Projekt eines euro-russischen Sicherheitsraums ohne Nato-Raketenschild, und die Deutsche will sich zwischen Paris und Moskau, zwischen EU und Nato zentral positionieren.

Bessere Tage gesehen

Aber der eigentliche Grund für den Gipfel liegt tiefer. Alle drei Kontinentalmächte bekunden Mühe, mit den aufstrebenden Märkten und Mächten mitzuhalten. Zufall oder nicht, treffen sie sich in einem Ärmelkanal-Badeort, der schon bessere Tage gesehen hat, der aber mit Kasino und Filmfestival eine neue Klientel anzuziehen versucht. So geht es Russland, Frankreich und Deutschland: Jedes Land war einstmals eine Grande Nation, hält aber mit der Entwicklung außenherum nur mühsam Schritt.

Ziel sei "zuerst eine industrielle, dann eine geopolitische Synergie", meint der französische Politologe Alexander Adler. Denn Moskau werde im Osten durch das expandierende China bedroht und sehe sein Heil wieder im Westen, vor allem in Europa. Deutschland und Frankreich wiederum gerieten gegenüber den globalisierten Angelsachsen und den agilen EU-Kleinstaaten ins Hintertreffen. Ihr Schulterschluss in Deauville ist zuerst ein Versuch, mit vereintem Gewicht der Dynamik der globalen Welt zu begegnen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2010)