Die Grünen und die ÖVP haben die zweiten Sondierungsgespräche mit Michael Häupl diese Woche bereits hinter sich. Nun müssen beide auf dessen Entscheidung warten - Häupl will noch diese Woche bekanntgeben, ob er mit Grün oder Schwarz in Koalitionsverhandlungen treten wird. Und bis dahin gilt für beide: bloß nichts ausplaudern und dadurch den Bürgermeister grantig machen. Denn Michael Häupl drückt jetzt nicht nur aufs Tempo, er sitzt auch am Drücker. Weder Grüne noch die Volkspartei wollen es sich noch im letzten Moment verscherzen - und halten dicht.

Forderungen auf Eis gelegt

Von den Wahlkampf-Forderungen ist in der heißen Phase ohnehin keine Pieps mehr zu hören. So ist etwa der alte ÖVP-Wunsch nach einem eigenen Sicherheitsstadtrat derzeit kein Thema. Grünen-Chefin Maria Vassilakou, die sich noch knapp vor der Wahl als Integrationsstadträtin ins Spiel gebracht hatte, sagte am Anfang der Woche im Standard-Interview: "Ich fuchtle nicht am Vorabend von Regierungsverhandlungen mit Ressorts herum, wichtig ist für mich nicht, mich zur Stadträtin für etwas zu erklären, sondern ein Paket zu vereinbaren, in dem die Grünen ihre Stärken einbringen können."

"Jetzt ist die Zeit des Tarnens und Täuschens", sagt Politikberater Thomas Hofer. "Die SPÖ ist in einer komfortablen Situation und kann vielleicht sogar mit Rot-Grün noch einen Überraschungseffekt bieten." Grün und Schwarz seien dementsprechend unruhig und müssten den "Preis noch einmal senken". Dieser sei ohnehin bei beiden nicht sonderlich hoch.

Für die bei der Wahl geschwächte Wiener ÖVP sei es beinahe schon eine Überlebensfrage, ob sie in mitregiert oder nicht. Hofer: "Wenn es eine rot-grüne Koalition gibt und die Grünen ihr Asset Alexander Van der Bellen in die Stadtregierung einbringen, dann hat die Volkspartei in Sachen Wirtschaftskompetenz die Flanke offen." Noch dazu hätten die Freiheitlichen bei Rot-Grün das Oppositionsmonopol.

Aber auch die Grünen wissen, dass sie die Chance, die sich ihnen nun aufgetan hat, nicht wieder aus den Händen geben dürfen, wie 2002/03 im Bund, als Schwarz-Grün knapp gescheitert ist. "Wenn die Grünen diesmal nicht in die Stadtregierung kommen, fallen sie in ein Loch", konstatiert Hofer.

Dem Vernehmen nach stehen in Wien die Chancen auf Rot-Grün so gut wie nie zuvor. Es hänge allein davon ab, ob sich Häupl den nötigen Ruck geben kann, heißt es. Davor müsste er aber auch noch den Widerstand jener Bezirke überwinden, in denen die Freiheitlichen am 10. Oktober besonders stark zugelegt haben. Mit den Grünen bekäme Häupl einen Regierungspartner, bei dem die Partei geschlossen hinter einer Regierungsbeteiligung steht.

Innerhalb der ÖVP gibt es hingegen noch immer Stimmen, die dafür plädieren, dass die Schwarzen in der Opposition bleiben sollen. Immerhin hat die ÖVP, die am Dienstagabend mit Alfred Hoch einen neuen Landesgeschäftsführer gekürt hat, über Wirtschaftsbund und Wirtschaftskammer wichtige Unternehmen hinter sich, die gehörig Druck in Richtung Rot-Schwarz machen. Wer gegen die Parteilinie verstieß, wie Raiffeisen-Generalsekretär Ferdinand "Ferry" Maier, der seiner Partei explizit den Verbleib in der Opposition empfohlen hat, wurde von Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad rasch zurückgepfiffen.

Wie aus der SPÖ zu hören ist, will sich Häupl von der schwarzen Wirtschaft in seiner Entscheidung nicht unter Druck setzen lassen: Jetzt waren sie auch nicht in der Regierung, was soll sich groß ändern, soll der Bürgermeister gegrantelt haben. (Bettina Fernsebner-Koker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2010)