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Natascha Kampusch bei der Lesung zu ihrem Buch "3096 Tage", in dem sie über ihre Gefangenschaft bei Wolfgang Priklopil berichtet.

Foto: REUTERS/Leonhard Foeger

Frage: Sind noch Verfahren im Fall um die Entführung von Natascha Kampusch anhängig?

Antwort: Nein. Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft stellten die Soko Kampusch unter der Leitung von Chefermittler Franz Kröll und die Evaluierungskommission, die Ludwig Adamovich leitete, ihre Ermittlungen mit Ende 2009 ein. Im Jänner 2010 wurde die Öffentlichkeit darüber informiert, dass der Entführer Wolfgang Priklopil keine Komplizen gehabt habe.

Frage: Was steht im unveröffentlichten Abschlussbericht der Polizei?

Antwort: Chefermittler Franz Kröll verfasste einen Bericht, dessen Inhalt die Staatsanwaltschaft kennt. Kröll verübte im Juni 2010 Selbstmord. Ex-OGH-Präsident Johann Rzeszut, sagt, dass Kröll unter enormem Druck stand und dass ihm der Staatsanwalt "unmissverständlich nahelegte", seine Ermittlungen einzustellen.

Frage: Wer glaubt, dass Priklopil Mitwisser oder Komplizen hatte?

Antwort: Der Bruder von Franz Kröll, Karl Kröll und Exverfassungsgerichtshofspräsident Ludwig Adamovich sagen, dass Franz Kröll nicht geglaubt habe, dass Priklopil Kampusch im März 1998 allein entführt hat. Nun ging auch Rzeszut an die Öffentlichkeit: Er wirft der Justiz in einem 24-seitigen Schreiben, das dem Standard vorliegt, eine "konsequente und beharrlich fortgesetzte Vernachlässigung entscheidender polizeilicher Ermittlungsergebnisse vor".

Frage: Gibt es Zeugen der Entführung?

Antwort: Ja. Die damals zwölfjährige A. sagte zwischen 1998 und 2006 bei insgesamt sechs aktenkundigen Befragungen, sie habe zwei Männer beobachtet: Einer sei hinter dem Lenkrad gesessen, während ein zweiter das Kind in den Wagen gezerrt habe.

Frage: Wurde diese einzige Tatzeugin jemals von der Justiz einvernommen?

Antwort: Nein. Es gab nur eine Gegenüberstellung von Kampusch und A. mit Kröll.

Frage: Gibt es einen Abschiedsbrief von Wolfgang Priklopil, der sich das Leben nahm?

Antwort: Es gibt ein angefangenes Schreiben, das H., der Freund und Geschäftspartner Priklopils, als Abschiedsbrief ausgab. Doch laut grafologischem Bericht der Abteilung Handschriften und Urkunden im Bundeskriminalamt vom 18. 11. 2009 weist die Schrift auf dem Zettel "keine Übereinstimmungen" mit Priklopils Schrift auf, allerdings "nennenswerte Übereinstimmungen" mit der H.s Schrift.

Frage: Wurde H. als Mitwisser oder Mittäter angeklagt?

Antwort: Nein. H. wurde ausschließlich wegen Begünstigung angeklagt und im August freigesprochen. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 22. Oktober 2010)