Bild nicht mehr verfügbar.

Johannes Heesters, hier an der Seite seiner Frau Simone Rethel, wird am 5. Dezember 107 Jahre alt. Bei der Geburtstagsgala in Erfurt wird er "natürlich auftreten - und singen."

Foto: AP/Christof Stache

 Ljubiša Tošić sprach mit beiden über Heesters-Witze, Zukunftspläne und Knoblauchschnaps.

***

STANDARD: Eine Frage, die man Ihnen, Herr Heesters, noch nie gestellt hat: Was ist Ihr Geheimnis?

Heesters: Hm, das ist eine so ungewöhnliche Frage ... da muss ich erstmal ein bisschen nachdenken. Wissen Sie, ich glaube, es gibt kein Geheimnis. Jeder weiß doch, dass ich weiterhin arbeite. Manche regen sich darüber auf, aber ich glaube, die meisten finden das gut. Ich habe Aufgaben und Ziele - kein Geheimnis weit und breit.

STANDARD: Und der Knoblauchschnaps, dessen Rezept ja von Ihnen stammt?

Heesters: Es kann schon sein, dass der Knoblauch dazu beiträgt, dass meine Blutwerte so gut sind. Aber hätte ich die ganzen Jahre nur missmutig im Lehnstuhl gesessen und das Leben wäre an mir vorbeigezogen, hätten wohl auch Kilos von Knoblauch nichts genutzt.

STANDARD: Haben Sie je Wissenschafter kontaktiert, um Sie bezüglich Ihrer Erfahrungen und Ihres gesegneten Alters forschend zu befragen?

Rethel: Dazu muss ich etwas erzählen. Bei meinen Recherchen für das Buch Sag nie, du bist zu alt habe ich eines Tages im Internet ein Foto von meinem Mann beim Krafttraining entdeckt - auf der Homepage des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg. Denn dort weiß man nämlich aus vielen Studien, wie wichtig Krafttraining und Sport überhaupt im Alter sind. Das Demenzrisiko lässt sich dadurch sogar um 50 Prozent senken. Das haben mir die Wissenschaftler in Heidelberg erklärt.

Ich hatte mit ihnen natürlich sofort Kontakt aufgenommen, nachdem ich das Foto entdeckte. Als wir uns dann trafen und sehr lange gesprochen haben, sagte man mir, mein Mann würde instinktiv wirklich alles richtig machen.

STANDARD: Überraschend ist, dass Ihr Mann in Ihrem Buch praktisch nicht vorkommt.

Rethel: Natürlich haben mich mein Mann und unser Zusammenleben inspiriert. Aber es geht in diesem Buch nicht um meinen Mann, das Thema ist allgemein "Älter werden positiv betrachtet" , und die Zielgruppe sind eigentlich Menschen, die das Älterwerden vor sich haben. Mein Mann lebt natürlich das vor, was ich aufgeschrieben habe.

STANDARD: Sie erzählen in Ihrem Buch einen Witz, der vom Tod und von Ihrem Mann handelt.

Rethel: Der Witz wurde mal bei einer Karnevalssitzung erzählt: Bei Heesters klingelt es an der Tür. Jopie macht auf, draußen steht der Tod und sagt mit ernster Miene: "Sie wissen, warum ich da bin?" - "Einen kleinen Moment" , sagt Heesters freundlich zum Tod, dreht sich um und ruft laut: "Simone, es ist für dich!" Das ist zwar bisschen makaber, aber es zeigt Jopies Lebenseinstellung. Er beschäftigt sich nicht mit dem Tod.

STANDARD: Herr Heesters, wann hatten Sie erstmals das Gefühl, nicht mehr jung zu sein?

Heesters: An einen bestimmten Tag oder ein Ereignis kann ich mich nicht erinnern.

Rethel: Wissen Sie, mein Mann war schon deutlich über neunzig, als er das erste Mal zu mir sagte: "Ich glaube, ich werde alt." Was ihm allerdings wirklich zu schaffen macht, ist sein Blindsein.

STANDARD: Herr Heesters, wie hat sich das Älterwerden auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Heesters: Na ja, vor allem haben sich die Rollen verändert. Das ist ja klar. Und natürlich arbeite ich sehr viel weniger als früher. Auch das ist klar. Was aber meine Freude an der Arbeit angeht, auch die Disziplin, da kann ich keine Veränderung erkennen.

STANDARD: Frau Rethel, niemand möchte alt sein, aber alle hoffen, alt zu werden. Seltsam, oder?

Rethel: Allerdings! Und genau zu diesen Punkt versuche ich mit meinem Buch Überzeugungsarbeit zu leisten. Unsere Gesellschaft hat immer noch so negative Altersbilder. Das kann bei der demografischen Entwicklung, in der wir schon stecken und die uns auch noch bevorsteht, nicht gutgehen. Daran muss sich etwas ändern. Aber das dauert.

STANDARD: Herr Heesters, im Dezember werden sie 107, in Erfurt gibt es dazu eine Geburtstagsgala. Werde Sie auftreten, gar singen?

Heesters: Ich freue mich sehr auf die Gala. Aber ich bin keiner, der nur dasitzt und Glückwünsche entgegennimmt. Also werde ich natürlich auftreten - und singen.

STANDARD: Gibt es sonst Pläne für die Zukunft, Rollen, die Sie sich noch wünschen?

Heesters: Einen konkreten Wunsch? Nein. Ich freue mich, wenn jemand auf für mich unerwartete Ideen kommt, wenn man mir etwas zutraut. Und ich freue mich, wenn ich herausgefordert werde. Ja, es gibt Pläne und Angebote. Aber ich spreche erst darüber, wenn es auch wirklich spruchreif ist - Künstler sind ja abergläubisch. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)