Sie sei nicht alt, sie sei uralt, sagt Margarete Mitscherlich-Nielsen über sich selbst in einem Interview. 93 Jahre zählt die Grande Dame der deutschen Psychoanalyse, wie man sie gerne nennt, und der nun erschienene Band Die Radikalität des Alters sammelt Lebenserinnerungen, gesellschaftliche Betrachtungen und "Einsichten einer Psychoanalytikerin".

Wenn man die Einsichten Mitscherlichs auf zwei wesentliche Begriffe reduzieren wollte, wären dies "Trauer" und "Emanzipation". Beide Konzepte sind eng, sogar unlösbar miteinander verknüpft. Denn richtig verstandene Trauer ist erinnernde Bewältigung von Vergangenheit, also Emanzipation vom Gewesenen und Übernahme eigener Verantwortung.

Das gilt für Mitscherlich im feministischen wie im politischen Sinn. Immer wieder kommt sie auf den Nationalsozialismus zu sprechen und die emotional versteinerte deutsche Nachkriegsgesellschaft. 1967 hatte Margarete gemeinsam mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich in dem berühmt gewordenen Buch Die Unfähigkeit zu trauern den Deutschen (und nicht nur ihnen) eine große gesamtgesellschaftliche Verdrängung attestiert. Vergangenheit aber "muss abgeschlossen sein, um Gegenwart herzustellen", ist die grundlegende persönliche wie politische Einsicht.

Wohl alles, was Mitscherlich schreibt, ist aus der Perspektive jener Generation zu verstehen, die im Nachkriegsdeutschland nach einem neuen, offenen Geist und einem Instrument politischer Kritik suchte. "Psychoanalyse wurde für uns zu einer wesentlichen Denkalternative gegenüber der konservativen Rückkehr zum 'Gedankengut' der Vorkriegszeit", schreibt Mitscherlich. Es war eine "Denkalternative" die, richtig gewendet, auch zur Emanzipation von Frauen beitragen konnte. Beeindruckend ist, wie unbeeindruckt Mitscherlich das männlich geprägte psychoanalytische Begriffsgebäude nach feministischen Kriterien umbaut. Aus dem Ideal der Androgynie wird bei ihr die weiblich gefärbte Gynandrie, und im Ödipus-Mythos sieht sie nicht die Geschichte der mörderischen Eifersucht des Sohnes auf den Vater, sondern eher die "Schuld des bisexuellen Vaters", der sich seines gefährlichen Sohnes entledigen will. Sehr berührend im Buch sind auch jene Passagen, in denen Mitscherlich das Freud'sche "Erinnern und Durcharbeiten" auf die eigene Biografie anwendet.

Margarete Mitscherlich nennt sich "uralt", aber zum Alter selbst finden sich im Buch nur wenige und nicht wirklich durchdringende Einsichten. Das mag daran liegen, dass der Körper eben altert, aber die "Lust am Denken" für Mitscherlich ungebrochen bleibt und wohl auch ein Ausweg. Während sie den hinfälliger werdenden Körper oft "lustlos mit sich herumträgt", bleibt die Erinnerung, "dass Gehen ein großes Vergnügen war". "In meinen Träumen gehe oder laufe ich viel, nie habe ich auch nur die geringste Mühe damit", schreibt sie. Viel Wesentlicheres aber erfahren wir zum Alter nicht, wie auch sonst die Ausführungen oft vage bleiben. Denn Mitscherlichs Denken ist auf eigenwillige, manchmal ärgerliche Weise ausgewogen. Selten gibt es harsche Einschnitte, selten aber auch klare Lösungen. Ob es nun um Liebe in der Therapie, Starrsinn des Alters oder den Kampf der Geschlechter geht, Mitscherlich umkreist ihre präzis gefassten Themen, sie schweift herum, letztlich dienen Fragen dazu, Assoziationen anzustoßen, nicht aber klare Antworten zu finden.

Die Radikalität des Alters lebt von der Stimme einer weisen, gebildeten Dame, die in den Grundfesten lange gereifter Überzeugungen ruht. Das ist gut gelungen. Allerdings ist zu bemängeln, dass das Buch eine Sammlung verschiedenster Texte und Vorträge der letzten Jahre enthält und man von Verlagsseite aus besser daran getan hätte, Redundanzen herauszufiltern. Dass Margarete Nielsen in Dänemark als Tochter eines Arztes und Lehrerin aufgewachsen ist, mag man einmal interessant finden, drei- bis viermal und immer wieder aufs Neue lesen möchte man es aber nicht. Es bleibt jedoch der gelungene Ton des Buches, der das Gefühl vermittelt, einer Grande Dame beim Erzählen zuzuhören, es bleiben die vielen weisen unbestreitbaren Einsichten wie zum Beispiel, dass Angst oft in einer Unkenntnis der eigenen Gefühle wurzelt, oder dass die Qualität des Verstandes von der Lebendigkeit der Gefühle abhängt. Es sind oft diese kleinen, hingeworfenen Sätze, die das Buch lesenswert machen.

"Bin ich eine starrsinnige alte Frau?", fragt Mitscherlich und antwortet: "Eher nicht". Sie ist eine sanfte Radikale. Ihre Radikalität liegt in der unbeirrbaren Beharrlichkeit, mit der sie immer wieder zu ihren großen Themen zurückkehrt: Trauer und Emanzipation. Es sind diese Begriffe, die auch den Umgang mit Alter und Tod bestimmen. "Die Vision eines hilfreichen Gottes oder einer allzeit beschützenden Mutter ist eine Illusion", sagt die überzeugte Atheistin. Es gilt "den Tod als Teil unseres Lebens, als Beendigung jeden Lebens anzuerkennen." Denn Trauer ist Emanzipation - und daher auch eine Erlösung. (Andrea Roedig, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)