Zu einem "aktiven Ruhestand" gehört ganz klassisch auch das gute Buch. Zunehmend wird wieder entdeckt, dass Lektüre ein komplexer Vorgang ist, der für das Gehirn eine ähnliche Trainingswirkung hat wie Bewegung für den Körper. Zudem schlägt sich die demografische Veränderung auch auf dem Buchmarkt nieder - längst sind die Titel mit einschlägigen Themen nicht mehr nur für einen Nischenmarkt, sondern der "Rand" der späten Jahre rückt zunehmend in die Mitte.

Dies lässt sich sehr schön an dem erfolgreichen Buch Älter werden von Silvia Bovenschen ersehen, das seit vier Jahren erhältlich ist und ein Longseller geworden ist. Als Literaturwissenschafterin und Essayistin hatte die Autorin immer schon eine Fangemeinde gehabt, aber erst mit einem Buch zu einem so allgemeinen Thema wie dem Altern hat sich diese ganz entschieden vergrößert. Und dabei gibt es in Älter werden nichts, was die schwierigen Aspekte dieser Erfahrung zu beschönigen sucht - im Gegenteil hat Bovenschen, die an multipler Sklerose leidet, schon früh mit den Gebrechen leben lernen müssen, die in der leiblichen Existenzweise der Menschen angelegt sind.

Sie beschäftigt sich aber auch mit dem Gedächtnis, das ja überhaupt erst einen Begriff von Alter ermöglicht, weil es Menschen auf einen langen Zeitraum des eigenen Lebens zurückblicken lässt - angeblich erinnert man sich in späteren Jahren besser an die Kindheit als in mittleren, was Bovenschen zumindest nicht dementiert. Vor allem aber zeigt Älter werden, welch große Rolle der Geist im Prozess des biologischen Alterns spielt. Menschen, die es im Lauf ihres Lebens gelernt haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sich in Texten zu reflektieren und das eigene Dasein gewissermaßen auf die Probe einer anderen, angelesenen oder zugesprochenen Erfahrung zu stellen, werden mit Phänomenen des Alters (mehr Zeit, weniger Perspektive, körperliche Einschränkungen, Verlust nahestehender Menschen ...) wohl ein wenig besser zurechtkommen als andere.

Dass es nicht nur um eine Maximierung von Aktivitäten des "Jungbleibens" gehen kann, wussten bereits die antiken Philosophen. Der berühmte Traktat De Senectute (Über das Altern) von Cicero pointiert das geradezu darauf hin, dass die alten Menschen jenes Alter erreicht haben, das die jungen anstreben - sie sind an ein Ziel gelangt, das auch ein Privileg ist, und dafür kann man gern ein paar Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen, die heute so nicht mehr gemacht würden (Cicero vergleicht den Verlust der Lust mit dem Zugewinn an Vernunft und empfiehlt darüber hinaus landwirtschaftliche Betätigung).

100 Jahre erscheint zwar auch heute noch als ein sehr hoch gestecktes Ziel, gleichwohl gibt es immer mehr Menschen, die dieses Alter erreichen. Dies zeigt sich auch in dem Fotoband 100 Jahre Leben. Porträts und Einsichten von Andreas Labes und Stefan Schreiber. Die Bilder sind am Rande eines Forschungsprojekts an der Universität Kiel entstanden, wo die Grundlagen eines gesunden Alterungsprozesses erforscht werden - in den Gesichtern der Hundertjährigen finden sich keine Aufschlüsse über die kleinen Geheimnisse, die dazu gern verraten werden (jeden Abend einen Schnaps, immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, glücklich verheiratet sein über die diamantene Hochzeit hinaus ...), aber unwillkürlich liest man in die Mienen von sehr alten Menschen ein Mysterium hinein, das die Medizin sich zur Aufklärung vorgenommen hat.

Die Kehrseite jeder Phänomenologie eines geglückten Lebensabends liegt in den demografischen Befunden, die nicht selten alarmistisch vorgetragen werden. In vielen westlichen Gesellschaften zeichnet sich ein Ungleichgewicht ab, für das Frank Schirrmacher, einer der fünf FAZ -Herausgeber, in seinem Bestseller Das Methusalem-Komplott 2004 einen griffigen Titel gefunden hat. "Die Menschheit altert in unvorstellbarem Ausmaß"; von dieser starken These ausgehend, werden die Generationenverträge auf ihre Belastbarkeit überprüft. Die Intuition, mit der Schirrmacher dabei die geburtenstarken Jahrgänge antizipierend vor das Problem eines potenziellen "ageism" stellt, also eines Ressentiments gegen die Masse der in vielerlei Hinsicht Ansprüche stellenden Menschen der ersten Nachkriegsgeneration, hat wohl auch indirekt wiederum mit dem Buchmarkt zu tun.

Denn das Buch (wie auch die Tageszeitung) kommt selbst immer wieder in den Ruch eines generationenspezifischen Mediums, und es wird daher zur Vermeidung von gröberen gesellschaftlichen Konflikten aller alten wie neuen Medien bedürfen, um begreiflich zu machen, dass das Altern schon beginnt, wenn man noch nicht einmal bemerkt, dass man jung ist - mit der Geburt nämlich, von der an die Uhr mitläuft. (Bert Rebhandl, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 23./24. Oktober 2010)